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Cedric Lichte im Interview: Integrierte Projektabwicklung als Erfolgsfaktor für Bauprojekte

Wenn Planung, Kommunikation und Kooperation von Anfang an klar strukturiert sind, entfalten große Bauprojekte ihr Potenzial am besten. Die Integrierte Projektabwicklung (IPA) bringt alle Beteiligten frühzeitig zusammen, schafft klare Entscheidungswege und stärkt eine partnerschaftliche Projektkultur. Für Bauvorhaben im Gesundheitswesen eignet sich dieses international etablierte Konzept besonders. Expertinnen und Experten befassen sich aktuell intensiv mit der IPA-Thematik.

Cedric Lichte, Leiter von ecconstruction, erklärt im Interview, wie IPA konkret funktioniert, welche Vorteile sich daraus ergeben – und die Construction Specialty der Ecclesia Gruppe komplexe Bauvorhaben mit spezialisierten Risikoanalysen und passgenauem Versicherungsschutz begleitet.

Der wirtschaftliche, strukturelle und organisatorische Druck auf Krankenhäuser und Kliniken wächst. Steigende Anforderungen an moderne Infrastruktur treffen auf begrenzte Investitionsmittel und komplexe Rahmenbedingungen. Vor diesem Hintergrund rückt die Frage in den Fokus, wie Bauprojekte verlässlicher, effizienter und risikominimiert umgesetzt werden können. An dieser Stelle setzt das Spezialisten-Team von ecconstruction mit der Integrierten Projektabwicklung als Abwicklungsmodell an. Unternehmen und Institutionen aus dem Gesundheitswesen sowie den Bereichen Kirche und Sozialwirtschaft profitieren von der spezialisierten Expertise des Construction-Teams – bei der strukturierten Risikoanalyse und der passgenauen Absicherung anspruchsvoller Bauvorhaben. 

Als ecconstruction begleiten wir aktuell sechs IPA-Projekte und haben fünf weitere in der konkreten Planung. Die Bausummen unserer IPA-Projekte liegen zwischen 250 Millionen und 1 Milliarde Euro. Zum Vergleich: In ganz Deutschland existieren bislang erst 34 IPA-Projekte, die sich in der Umsetzung befinden oder bereits abgeschlossen wurden.

– Cedric Lichte, Leiter ecconstruction

Cedric Lichte, Leiter ecconstruction, war als Co-Autor an der IPA-Aufsatzreihe in der Fachzeitschrift „NZBau (Bau- und Vergaberecht)“ beteiligt und hat gemeinsam mit einer renommierten Fachanwaltskanzlei den Beitrag „Projektversicherungen in der Integrierten Projektabwicklung“ verfasst.

Herr Lichte, was ist die Integrierte Projektabwicklung – und wie funktioniert sie?

Cedric Lichte: Die IPA ist ein Systemwechsel in der Projektabwicklung: alle zentralen Akteure und Partner – Bauherr, Planer und ausführende Bauunternehmen – arbeiten frühzeitig und partnerschaftlich in einer Allianz zusammen. Grundlage ist ein Mehrparteienvertrag mit gemeinsamen Regeln, Zielkosten und einer fairen Risikoteilung.

Warum gewinnt IPA in Deutschland gerade jetzt an Bedeutung?

Cedric Lichte: Unsere großen Infrastruktur- und Krankenhausprojekte sind sehr komplex, und sowohl die Projektteams als auch die Verantwortlichen für Termine und Budgets geraten dabei schnell unter Druck. Beim konventionellen Bauen führen die vielen Schnittstellen häufig zu Missverständnissen und Konflikten. Die IPA setzt genau hier an und sorgt für mehr Transparenz und klare Entscheidungswege – exakt das, was komplexe Bauvorhaben wirklich voranbringt.

Welche Ziele stehen im Fokus, damit komplexe Bauvorhaben erfolgreich gelingen?

Cedric Lichte: IPA verfolgt im Kern folgende Ziele: Sie bindet die wichtigsten Akteure eines Bauprojekts, die sogenannten Schlüsselbeteiligten, früh in die Planung ein, damit Planer und ausführende Unternehmen gemeinsam eine realistische und risikoarme Umsetzung entwickeln können. Wichtiges Ziel sind ein gemeinsames Risikomanagement und eine Projektkultur, die auf Vertrauen und Transparenz basiert. Zudem kommen kollaborative Methoden wie Building-Information-Modeling zum Einsatz. Die Basis dafür ist ein Mehrparteienvertrag mit klaren Regeln und einem Anreizsystem, das ein mangelfreies Bauvorhaben im vereinbarten Zeit- und Kostenrahmen ermöglicht.

Wie funktioniert ein Mehrparteienvertrag in der Praxis?

Cedric Lichte: Ein Mehrparteienvertrag bündelt alle wesentlichen Projektpartner in einem gemeinsamen Vertragswerk. Er schafft einen Chancen-Risiko-Pool, der als Grundlage für das monetäre Anreizsystem dient – und verhindert das typische „Blame Game“, also gegenseitige Schuldzuweisungen, durch passende Haftungsfreistellungen. Zudem legt der Vertrag fest, dass Entscheidungen in der Regel einstimmig getroffen werden – stets und ausschließlich im Sinne des Projekterfolgs.

Worin unterscheidet sich dieser Ansatz am stärksten von der konventionellen Projektabwicklung?

Cedric Lichte: Ein wesentlicher Unterschied liegt im Grundprinzip „Best for Project“ statt „billigster Preis“. Es gibt keine starren Leistungsverzeichnisse, die den Prozess in enge Bahnen zwingen. Die Nachunternehmerketten werden zudem deutlich verkürzt, sodass keine Subunternehmen mehr in der fünften Reihe tätig sind – das erhöht die Qualität und reduziert Sprachbarrieren auf der Baustelle. Risiken und Termine werden gemeinsam gesteuert, anstatt getrennt voneinander verantwortet zu werden. Und ein Chancen-Risiko-Pool schafft einen transparenten, monetären Anreiz für alle Beteiligten – im Gegensatz zu Druckinstrumenten wie Vertragsstrafen oder Kündigungen.

Welche Rolle spielt das Vergütungsmodell?

Cedric Lichte: Das Modell basiert auf der Erstattung der tatsächlichen Kosten: Jeder IPA-Partner erhält seine kompletten Selbstkosten zurück. Bauschäden und Mängel, die nicht von der Bauversicherung abgedeckt sind, werden aus dem gemeinsamen Chancen-Risiko-Pool beglichen. Je weniger Schäden auftreten, desto mehr Mittel bleiben erhalten. Nach Abschluss des Projekts wird der Restbetrag als Gewinn an die IPA-Partner verteilt. Ein gutes Risikomanagement und eine gegenseitige Rücksichtnahme auf der Baustelle führt somit dazu, dass jeder einen monetarisierten Bonus erhält.

Wie wird ein solches Projekt konkret versichert, damit die besonderen Anforderungen dieses Vertragsmodells abgedeckt sind?

Cedric Lichte: Ein IPA-Bauvorhaben lässt sich ausschließlich über eine kombinierte Bauversicherung angemessen absichern. Nur dieses Modell bildet die Haftungsgrundsätze eines Mehrparteienvertrags zwischen allen IPA-Partnern vollständig ab. Das gilt insbesondere für die Besonderheit, dass die ausführenden Bauunternehmen im Rahmen eines IPA-Projekts eigenständig Planungsleistungen übernehmen – eine Konstellation, die konventionelle Versicherungsmodelle nicht ausreichend erfassen. Die kombinierte Bauversicherung stellt sicher, dass sämtliche Beteiligte unter einem gemeinsamen Versicherungsschutz stehen.

Warum fällt es manchen Versicherern derzeit noch schwer, dieses Modell genau zu bewerten?

Cedric Lichte: Neuartige Vertragsmechanismen in Kombination mit gegenseitigen Haftungsfreistellungen und gemeinsamer Risikoteilung sind für viele Versicherer ungewohnt. Es fehlt aktuell noch an statistischen Daten, auf die man bei der Kalkulation zurückgreifen könnte, um einschätzen zu können, welches Schadenpotenzial damit verbunden ist. Auch die Tatsache, dass der Architekt, der bisher ausschließlich der Qualität des Bauvorhabens verpflichtet war, nun auch ein wirtschaftliches Interesse verfolgt, da er am Chancen-Risiko-Pool beteiligt ist, führt bei einigen Versicherern zu Bauchschmerzen. Wir arbeiten daran, Transparenz zu schaffen, die Versicherbarkeit sauber darzulegen und marktfähige Ausschreibungen zu gestalten. Hierfür hat ecconstruction im November 2025 die größten Construction-Versicherer in Deutschland zu einem ganztägigen Workshop nach Detmold eingeladen, der auch von einem in IPA-Projekten erfahrenen Fachanwalt begleitet wurde. Ziel des Workshops war es, den Versicherern IPA konkret zu erläutern und Bedenken auszuräumen, damit wir einen größtmöglichen Wettbewerb sicherstellen und unseren Kunden attraktive Konditionen bieten können.

Welche Vorteile sehen Sie aus Versicherungssicht?

Cedric Lichte: Eine deutlich frühere und vor allem gründlichere Detektion von Baurisiken aus allen Perspektiven – aus Sicht von Bauherren, Planern und den bauausführenden Unternehmen. Dadurch entstehen zielgerichtete Schutzmaßnahmen, die potenzielle Schadenszenarien im besten Fall bereits im Ansatz verhindern. Hinzu kommt eine spürbar bessere Kommunikation und Rücksichtnahme auf der Baustelle zwischen den Gewerken. Jeder Baubeteiligte hat ein sehr hohes Interesse, eine einwandfreie Qualität zu liefern, um eine reibungslose Übergabe an das nachfolgende Gewerk sicherzustellen. Ebenso entscheidend ist eine klar strukturierte Governance, die Planung und Ausführung verlässlich steuert und das Risiko von Schäden deutlich reduziert. Hinzu kommt der gemeinsame Chancen-Risiko-Pool, der in der Regel auch die Selbstbehalte aller Partner übernimmt. Das erhöht die Eigentragungsfähigkeit erheblich und ermöglicht Selbstbehalte in beträchtlicher Höhe – oft im sechsstelligen Bereich. Dies wiederum honorieren Versicherer mit entsprechend günstigeren Versicherungsprämien und führt somit zu einer höheren Wirtschaftlichkeit.  

Für welche Projekte und Arten von Bauvorhaben ist der Einsatz von IPA besonders sinnvoll?

Cedric Lichte: Für große und komplexe Vorhaben mit vielen Schnittstellen: wie Krankenhausbauten, Forschungscampusse, Infrastrukturvorhaben und ähnlich anspruchsvolle Bauprojekte. Dort zahlt sich die frühzeitige Integration und gemeinsame Steuerung besonders aus. Das größte Potenzial sehen wir bei öffentlichen Auftraggebern, die gezwungen sind, ihre Aufträge mittels EU-Vergabeverfahren – meist nach dem Hauptkriterium „Preis“ – zu vergeben. Bei einem IPA-Vergabeverfahren rückt die Qualität der Planer und Bauunternehmen klar in den Vordergrund.

Welche Expertise bringt ecconstruction im Bereich IPA mit?

Cedric Lichte: Als ecconstruction wurden wir von der Fachgruppe Versicherungen im Bundesinnenministerium eingeladen, um als Experten zur Absicherung von IPA-Projekten zu referieren. Dabei ging es neben den zahlreichen IPA-Spezifika zum Beispiel auch um die öffentliche Vergabe über EU-Ausschreibungen, da die Prämien für solche Versicherungskonzepte regelmäßig über den Vergabeschwellen liegen und Versicherungsmakler daher zwingend auch eine Kompetenz im Vergaberecht mitbringen müssen, um derartige Versicherungslösungen am Markt zu platzieren.