Zwischen Reformdruck und Innovationspotenzial: Wie Unternehmen und Institutionen jetzt Weichen für die Zukunft stellen können
Wie haben sich das Sozial- und Gesundheitswesen in den vergangenen zwei bis drei Jahren verändert – insbesondere nach Pandemie und wirtschaftlichen Unsicherheiten?
Dr. Christian Heitmann: Die Pandemie hat zu einem nachhaltigen Rückgang der stationären Fallzahlen geführt – aktuell liegen wir rund elf Prozent unter dem Niveau von 2019. Von ehemals rund 19 Millionen Fällen sind wir auf etwa 16,5 Millionen gefallen und nähern uns langsam wieder den 17 Millionen, aber das ursprüngliche Volumen wird voraussichtlich nicht mehr erreicht. Parallel hat die Einführung des Pflegebudgets zu einem starken Anstieg der Pflegekräfte im Krankenhausbereich geführt – rund 14 Prozent mehr seit 2019 –, was zu einem Fachkräftemangel in der Altenhilfe und Teilen der Sozialwirtschaft geführt hat. Zusätzlich haben aufgrund des Angriffskriegs auf die Ukraine massive Energiekostensteigerungen und Inflation die Einrichtungen stark belastet, mit deutlich gestiegenen Lohn- und Sachkosten, die nicht ausreichend gegenfinanziert sind. Die Finanzierungslücke beträgt allein in den vergangenen drei Jahren rund elf Prozent. Kommunen, die hohe Defizite ihrer Krankenhäuser ausgleichen müssen, kürzen zunehmend die Vergütungen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe. Das führt zu wachsendem wirtschaftlichem Druck in diesen Bereichen. Insgesamt herrscht eine hohe Volatilität, die durch laufende Reformprozesse – etwa die Bundeskrankenhausreform und neue Landeskrankenhausplanungen – weiter verstärkt wird.
Viele Träger klagen über zunehmenden Kostendruck. Wie bewerten Sie die aktuelle Finanzierungssituation in Pflege, Eingliederungshilfe und Krankenhäusern?
Die Krankenhausstruktur in Deutschland ist deutlich überdimensioniert – rund 1.800 Krankenhäuser stehen einer sinkenden Fallzahl gegenüber, die seit der Pandemie um etwa elf Prozent zurückgegangen ist. Eine umfassende Restrukturierung ist dringend nötig, aber weder ausreichend finanziert noch politisch konkret geplant. Der Transformationsfonds mit 50 Milliarden Euro kann daher nicht ausreichen. Gleichzeitig steigen die Kosten massiv, und politische Entscheidungen wie die Nichtanwendung der „Meistbegünstigungsklausel“ führt dazu, dass Krankenhäuser weitere 1,8 Milliarden Euro einsparen müssen.
Diese Dynamik hat direkte Auswirkungen auf die Pflege: Durch das Pflegebudget wurden viele Pflegekräfte in den Krankenhausbereich gezogen, wo die Gehälter deutlich gestiegen sind – von 2013 bis 2023 ist das durchschnittliche Gehalt einer Pflegekraft im Krankenhaus von 52.000 auf rund 72.000 Euro Arbeitgeberbrutto gestiegen. Das hat zu einem Fachkräftemangel in der Altenhilfe geführt, wo die Finanzierung über Pflegesätze erfolgt und wirtschaftlich nur bei Vollauslastung tragfähig ist. Wenn Stationen wegen Personalmangel schließen müssen, geraten Pflegeheime schnell in wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Auch die Eingliederungshilfe steht unter Druck. Besonders im Wohnbereich besteht ein hoher Investitionsbedarf, etwa durch die Umstellung auf kleinere, inklusivere Wohneinheiten gefordert durch die BTHG-Reform. Werkstätten sind noch relativ stabil, aber auch hier ziehen die Kostenträger die Vergütungsschrauben an. Kommunen, die hohe Defizite ihrer Krankenhäuser ausgleichen müssen, kürzen zunehmend die Mittel in der Eingliederungshilfe und der Kinder- und Jugendhilfe. Das führt zu einem Rückgang der finanzierten Leistungen – etwa in der Schulbetreuung oder bei spezialisierten Einrichtungen. Insgesamt erleben wir eine strukturelle Verschiebung der Ressourcen, die zu einem Ungleichgewicht im gesamten Sozial- und Gesundheitswesen führt.
Beobachten Sie in der Praxis Veränderungen im Investitionsverhalten sozialer Träger – etwa bei Digitalisierung oder Immobilien?
Ja, aber sehr unterschiedlich je nach Sektor. Im Krankenhausbereich ist der Kreditmarkt für Infrastrukturinvestitionen aktuell nahe
zu trocken – Banken prüfen sehr genau, wem sie noch Mittel gewähren. Nachhaltigkeitsinvestitionen sind in der Investitionsfinanzierung
der Länder nicht förderfähig und damit nicht gegenfinanziert. Der Transformationsfonds kommt zwar zur richtigen Zeit, ist aber ausschließlich für Konzentrationsmaßnahmen gedacht – etwa die Bündelung von Fachabteilungen oder die Schließung von Häusern – nicht für klassische Instandhaltungsmaßnahmen, die sich in den vergangenen Jahren aufgestaut haben. Bei der Digitalisierung hat das Krankenhauszukunftsgesetz mit 4,3 Milliarden Euro einen spürbaren Schub gebracht: Elektronische Patientenakten, Patientenportale, IT-Sicherheit und Medikationssysteme wurden deutlich vorangebracht. Allerdings bleiben die laufenden Wartungs- und Betriebskosten an den Häusern hängen – und die sind gestiegen, ohne dass die Finanzierung entsprechend mitgewachsen ist.
In der Altenhilfe, Eingliederungshilfe und Kinder- und Jugendhilfe sehen wir deutlich weniger Fortschritt. Zwar gibt es spannende Ansätze – etwa KI-gestützte Sprachassistenten oder sensorbasierte Überwachung in der Altenhilfe – aber es fehlt an Gegenfinanzierung. Auch in den administrativen Bereichen wie Rechnungswesen oder Personalwesen ist noch viel Potenzial, aber die Mittel fehlen. Ohne gezielte Förderprogramme, wie sie im Krankenhausbereich existieren, wird die Digitalisierung in der Sozialwirtschaft deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.
Könnten Finanzierungsmodelle wie Factoring oder Avale künftig ein wichtiger Bestandteil der Liquiditätssteuerung im Sozial- und Gesundheitswesen werden?
Diese Instrumente sind grundsätzlich nicht neu – sie werden bereits eingesetzt, aber ihre Bedeutung ist begrenzt. Der klassische Betriebs mittelkredit ist nach wie vor die wichtigste Finanzierungsform, allerdings wird es zunehmend schwieriger, diesen zu erhalten. Leasing bei Großgeräten ist weit verbreitet und sinnvoll. Factoring – also die Abtretung von Forderungen – wird ebenfalls genutzt, bringt aber nur einen
Einmaleffekt und ist bei aktuellen Zahlungsfristen von fünf Tagen gegenüber den Krankenkassen nicht mehr von so großer Bedeutung. Avale spielen in der Praxis eine untergeordnete Rolle. Insgesamt lösen diese Modelle nicht das strukturelle Finanzierungsproblem, sondern sind eher kurzfristige Liquiditätshilfen. Ohne eine nachhaltige Gegenfinanzierung bleibt die wirtschaftliche Belastung bestehen.
– Dr. Christian Heitmann Leiter des Geschäftsbereichs, Unternehmensberatung bei CuraconDie größte Herausforderung bleibt die systematische Unterfinanzierung – nicht nur für Krankenhäuser, sondern zunehmend auch für Krankenkassen, die steigende Kosten schultern müssen, ohne die Beiträge erhöhen zu wollen und dürfen. Das führt zu einer finanziellen Zerreißprobe im gesamten Sektor.
Der Fachkräftemangel ist eines der zentralen Themen der Branche – sehen Sie hier strukturelle Lösungen oder lediglich kurzfristige Maßnahmen?
Strukturelle Lösungen sind dringend notwendig. Im Krankenhausbereich bedeutet das vor allem, die Infrastruktur zu reduzieren – wir müssen die vorhandenen Fachkräfte auf etwa 1.200 statt 1.800 Häuser versierte Überwachung in der Altenhilfe – aber es fehlt an Gegenfinanzierung. Auch in den administrativen Bereichen wie Rechnungswesen oder Personalwesen ist noch viel Potenzial, aber die Mittel fehlen. Ohne gezielte Förderprogramme, wie sie im Krankenhausbereich existieren, wird die Digitalisierung in der Sozialwirtschaft deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.
Könnten Finanzierungsmodelle wie Factoring oder Avale künftig ein wichtiger Bestandteil der Liquiditätssteuerung im Sozial- und Gesundheitswesen werden?
Diese Instrumente sind grundsätzlich nicht neu – sie werden bereits eingesetzt, aber ihre Bedeutung ist begrenzt. Der klassische Betriebsmittelkredit ist nach wie vor die wichtigste Finanzierungsform, allerdings wird es zunehmend schwieriger, diesen zu erhalten. Leasing bei Großgeräten ist weit verbreitet und sinnvoll. Factoring – also die Abtretung von Forderungen – wird ebenfalls genutzt, bringt aber nur einen Einmaleffekt und ist bei aktuellen Zahlungsfristen von fünf Tagen gegenüber den Krankenkassen nicht mehr von so großer Bedeutung. Avale spielen in der Praxis eine untergeordnete Rolle. Insgesamt lösen diese Modelle nicht das strukturelle Finanzierungsproblem, sondern sind eher kurzfristige Liquiditätshilfen. Ohne eine nachhaltige Gegenfinanzierung bleibt die wirtschaftliche Belastung bestehen.
Der Fachkräftemangel ist eines der zentralen Themen der Branche – sehen Sie hier strukturelle Lösungen oder lediglich kurzfristige Maßnahmen?
Strukturelle Lösungen sind dringend notwendig. Im Krankenhausbereich bedeutet das vor allem, die Infrastruktur zu reduzieren – wir müssen die vorhandenen Fachkräfte auf leicht abschwächende Inflation: 2,2 % Inflationsrate Wachsende Finanzlücke der Kranken- und Pflegeversicherung teilen. Parallel dazu müssen wir Tätigkeiten, die digitalisiert werden können, konsequent automatisieren – insbesondere Dokumentation und administrative Prozesse. Eine aktuelle Umfrage des DKI zeigt, wie stark Dokumentationspflichten die Arbeitszeit von Pflegekräften und Ärzten belasten. Hier liegt enormes Potenzial für Entlastung durch digitale Tools, etwa Spracherkennung oder KI-gestützte Zusammenfassungen. Es geht nicht darum, weniger zu dokumentieren, sondern intelligenter. Nur so können wir die Fachkräfte auf ihre Kernaufgaben konzentrieren und den Mangel strukturell abfedern.
Welche Entwicklungen erwarten Sie bis 2026 in der Sozialwirtschaft und im Gesundheitswesen – insbesondere hinsichtlich Finanzierung, Regulierung und Digitalisierung?
Bis 2026 wird die Regulierung im Krankenhausbereich deutlich zunehmen – insbesondere durch die neuen Landeskrankenhauspläne. NRW geht hier bereits konsequent voran und zeigt, wie bestimmte medizinische Leistungsgruppen beispielsweise in Orthopädie und Kardiologie gebündelt werden können. Andere Bundesländer werden folgen, aber mit teils sehr unterschiedlichen Ansätzen. Parallel dazu bringt das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) und das Sondervermögen des Bundes neue Förderstrukturen, deren konkrete Wirkung noch offen ist. Die größte Herausforderung bleibt die systematische Unterfinanzierung – nicht nur für Krankenhäuser, sondern zunehmend auch für Krankenkassen, die steigende Kosten schultern müssen, ohne die Beiträge erhöhen zu wollen und dürfen. Das führt zu einer finanziellen Zerreißprobe im gesamten Sektor. In der Altenhilfe wird der Fachkräftemangel das zentrale Thema bleiben, ergänzt durch den Bedarf an Infrastruktursanierung und Digitalisierung. Auch in der Eingliederungshilfe und Kinder- und Jugendhilfe stehen Digitalisierung und Personalbedarf im Fokus. Zusätzlich wird die Umsetzung der letzten Phase des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) ein zentrales Thema sein. Insgesamt erwarten wir eine starke Dynamik, aber auch wachsenden wirtschaftlichen Druck in allen Bereichen.
Wir haben jetzt viel über Risiken gesprochen. Sehen Sie denn auch Chancen für die Träger?
Ja, absolut. Die größte Chance liegt darin, dass wir keinen Nachfragemangel haben – die Leistungen werden weiterhin stark nachgefragt. Besonders in der Digitalisierung sehe ich enormes Potenzial, etwa durch den gezielten Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Auch wenn KI nicht alle Probleme löst, kann sie Prozesse wie Dokumentation oder Erstanamnesen deutlich effizienter gestalten und Fachkräfte entlasten. Darüber hinaus wird es wichtig sein, gesellschaftlich eine neue Erwartungshaltung zu entwickeln – etwa in der Frage, was das Gesundheitssystem leisten kann und wie es finanziert wird. Wir sind eines der wenigen Länder, in denen jede Behandlung im Rahmen der gesetzlichen Versicherung ohne Eigenanteil erfolgt. Das wird langfristig nicht haltbar sein – aber genau darin liegt auch die Chance, das System neu und nachhaltiger zu denken.
Gibt es Entwicklungen, die Ihrer Meinung nach aktuell unterschätzt werden – aber in den kommenden Jahren stark an Bedeutung gewinnen werden?
Ja, definitiv. Ich glaube, viele Chancen liegen bereits auf dem Tisch – sie werden nur nicht konsequent genutzt. Ein zentrales Thema ist die Umstrukturierung von Prozessen außerhalb des operativen Tagesgeschäfts. Träger sind oft so stark im Alltag gebunden, dass sie keine Zeit haben, ihre „Axt zu schärfen“, wie ich es gerne nenne. Genau hier liegt aber die Chance: durch gezielte Prozessoptimierung, Digitalisierung und den Mut zur Veränderung. Wenn wir es schaffen, uns aus dem operativen Moloch zu lösen und strategisch zu denken, können wir Strukturen schaffen, die langfristig tragfähig sind. Das gilt für alle Bereiche – vom Krankenhaus bis zur Eingliederungshilfe.
Und im Gesundheitswesen heute raten?
Mein wichtigster Rat wäre: Mut zur Veränderung. Die Gesundheits- und Sozialwirtschaft ist historisch sehr stabil gelaufen – von den 1970er-Jahren bis weit in die 2000er hinein. Das hat zu einer gewissen Behäbigkeit geführt. Doch diese Stabilität ist vorbei, spätestens seit Corona. Heute braucht es mehr Veränderungsbereitschaft, mehr Offenheit zwischen den Sektoren – ob katholisch, evangelisch, öffentlich oder privat – und ein gemeinsames Ringen um effiziente Strukturen. Skaleneffekte und Kooperationen können die Versorgung verbessern, werden aber oft durch kommunalpolitische oder konfessionelle Interessen blockiert. Wer jetzt den Mut hat, über den Tellerrand zu schauen und strategisch zu handeln, kann die Zukunft aktiv gestalten.
Curacon ist eine bundesweit tätige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit Spezialisierung auf die Prüfung und Beratung von Einrichtungen in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft. Mehr als 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an 14 Standorten betreuen über 2.500 Mandanten. Das Leistungsportfolio der Curacon Unternehmensgruppe umfasst die Bereiche Wirtschaftsprüfung, Unternehmensberatung sowie Steuer- und Rechtsberatung. Seit über 85 Jahren führt Curacon erfolgreich Prüfungs- und Beratungsaufgaben durch und gehört heute zu den 20
größten und den Top 10 leistungsstärksten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Deutschland.