Interview mit Maik Reimann: Photovoltaik sicher betreiben – Risiken erkennen, Schäden vermeiden
Maik Reimann, Risk Consultant bei der SCHUNCK GROUP – dem spezialisierten Versicherungsmakler für Transport und Logistik der Ecclesia Gruppe, erläutert, wo wesentliche Risiken entstehen können und wie sich Photovoltaik- und Speicheranlagen fachgerecht und sicher betreiben lassen.
Warum steigt mit dem Ausbau von Photovoltaikanlagen und Batteriespeichern auch das Risikopotenzial?
Maik Reimann: Mit PV-Anlagen wird zusätzliche elektrische Infrastruktur in Gebäude integriert. Es handelt sich um dauerhaft aktive Gleichstromsysteme. Wie jede elektrische Anlage können sie im Fehlerfall als Zündquelle wirken. Hinzu kommt, dass PV-Anlagen häufig auf Dächern mit brennbaren Dämm- und Abdichtungsstoffen installiert werden. Treffen technische Defekte auf brennbare Baustoffe, kann sich ein Schaden ausweiten. Zudem haben einige Krankenhäuser und Unternehmen auf dem Dach keine Brandmelde- oder Löschanlagen, dadurch werden Brände oft spät entdeckt und können sich unbemerkt ausbreiten – bis hin zum Vollbrand. Das bedeutet jedoch nicht, dass Photovoltaikanlagen grundsätzlich unsicher sind. Entscheidend ist, dass sie fachgerecht geplant, normgerecht installiert und dauerhaft überwacht werden. Dann ist das Risiko gut beherrschbar.
– Maik Reimann, Maik Reimann, Risk Consultant bei der SCHUNCK GROUP, spezialisierter Versicherungsmakler für Transport- und Logistik und Teil der Ecclesia GruppeSteckverbindungen auf dem Dach altern durch Witterung, UV Strahlung und Temperaturschwankungen – der Zahn der Zeit wirkt an diesem Material.
Welche typischen Gefahren gehen von PV Anlagen und Batteriespeichern aus?
Maik Reimann: Zu den wesentlichen Gefahren zählen Lichtbögen, Kurzschlüsse oder Kontaktprobleme in den DC Leitungen und Steckverbindungen. Bei Batteriespeichern kommt das Risiko des thermischen Durchgehens hinzu. Eine durchgehende Zelle erhitzt die nächste – das wirkt fast wie eine Feuerwerksbatterie. Auf Dächern breiten sich Brände zudem schnell über Öffnungen wie Rauch und Wärmeabzugsanlagen aus. Neben dem Brand selbst entstehen häufig große Rauch und Löschwasserschäden im Gebäude.
Sind bestimmte Gebäudetypen besonders gefährdet?
Maik Reimann: Ja, vor allem Gebäude mit hohen Verfügbarkeitsanforderungen. Besonders Krankenhäuser sind gefährdet, weil sie über sehr sensible Bereiche verfügen und dort viel Medizintechnik im Einsatz ist. Schon Rauch- oder Löschwasserschäden können hier große Auswirkungen haben – und zusätzlich ist die Evakuierung deutlich erschwert. Auch Logistikhallen zählen zu den besonders gefährdeten Gebäuden. Sie haben sehr große Dachflächen und häufig eine umfangreiche automatisierte Technik im Inneren. Kommt es dort zu einem Brand, kann das schnell zu erheblichen Sachschäden oder sogar zu kompletten Betriebsunterbrechungen der Produktion bzw. der Lieferketten führen.
Welche Fehler führen in der Praxis am häufigsten zu Schäden?
Maik Reimann: Erfahrungsgemäß entstehen Schäden seltener durch die Technologie selbst, sondern häufiger durch Planungs- und Installationsmängel. Dazu zählen etwa unsachgemäße Leitungsführung, lose Steckverbindungen und fehlende Abstände zu brennbaren Baustoffen. Dazu kommen unzureichende Wartung und alternde Materialien durch Witterung und UV Belastung. Die häufigsten Ursachen für Schäden liegen nicht in der Technologie selbst, sondern in Planungs- und Installationsmängeln. Eine qualifizierte Planung, geprüfte Komponenten sowie eine strukturierte Instandhaltung reduzieren diese Risiken deutlich.
Wie lassen sich Photovoltaikanlagen bereits in der Planungsphase so auslegen, dass sie kein zusätzliches Brandrisiko darstellen?
Maik Reimann: In der Planungsphase ist es wichtig, den Dachaufbau genau zu betrachten – insbesondere die Frage, wie brennbar die eingesetzten Materialien sind. Außerdem sollten die PV Felder nicht zu groß ausfallen. Versicherer geben hierzu klare Vorgaben, etwa zu maximalen Feldgrößen oder notwendigen Abständen. Ebenso entscheidend ist, dass die Brandabschnitte sauber getrennt sind, damit sich ein Feuer nicht von einem Bereich in den nächsten ausbreiten kann. Wechselrichter sollten mit einer Lichtbogendetektion ausgestattet sein, und auch Blitz- sowie Überspannungsschutz gehören zum Standard. Am besten stimmt man sich frühzeitig mit der Feuerwehr und dem Versicherer ab. So lassen sich spätere Zusatzmaßnahmen vermeiden und die Anlage von Anfang an sicher in das Gebäude integrieren.
– Maik Reimann, Maik Reimann, Risk Consultant bei der SCHUNCK GROUP, spezialisierter Versicherungsmakler für Transport- und Logistik und Teil der Ecclesia GruppeEine isolierte Betrachtung einzelner Systeme reicht nicht aus – man muss das Gesamtsystem bewerten.
Welche technischen und organisatorischen Präventionsmaßnahmen empfehlen Sie Betreibern, um das Risiko von Bränden oder Betriebsunterbrechungen zu minimieren?
Maik Reimann: Neben der richtigen Anlagentechnik braucht es klare organisatorische Regelungen: regelmäßige Sichtprüfungen, Thermografien und messtechnische Prüfungen. Ein funktionierendes Monitoring mit definierten Melde- und Interventionswegen ist ebenfalls entscheidend. Versicherer erwarten außerdem klare Zuständigkeiten, gerade bei Pacht oder Leasingmodellen, sowie ein Notfall- und Einsatzkonzept für Feuerwehr und Betrieb.
Welche Rolle spielen regelmäßige Wartung, Prüfungen und Dokumentation für die Sicherheit solcher Anlagen?
Maik Reimann: Sie sind elementar. Ohne regelmäßige Prüfungen, Wartung und lückenlose Dokumentation gibt es keinen Versicherungsschutz. Betreiber müssen im Schadenfall nachweisen, dass alle notwendigen Maßnahmen eingehalten wurden. Unterbleiben erforderliche Maßnahmen, kann dies im Einzelfall Auswirkungen auf die Schadenregulierung haben. Nachhaltigkeit darf nicht zu Lasten der Sicherheit gehen – sie muss strukturiert organisiert werden. Strukturierte Prozesse helfen daher nicht nur technisch, sondern auch versicherungsseitig.
Was ist beim Zusammenspiel von Photovoltaikanlagen, Batteriespeichern und bestehender Gebäudetechnik besonders zu beachten – etwa bei Brandmelde oder Löschanlagen?
Maik Reimann: PV-Anlagen und Speicher dürfen bestehende Brandmelde-, Lösch- oder Blitzschutzsysteme nicht beeinträchtigen. Diese Systeme müssen aufeinander abgestimmt werden. Wichtig sind klare Abschaltkonzepte, die mit der Feuerwehr abgesprochen werden, sowie eine eindeutige Kennzeichnung in Feuerwehrplänen. Eine isolierte Betrachtung einzelner Systeme reicht nicht aus – es muss das Gesamtsystem bewertet werden.
Welche Risiken werden häufig unterschätzt?
Maik Reimann: Oft werden weniger der Brand selbst als vielmehr die Folgeschäden wie Rauch und Löschwasserschäden unterschätzt. Schon leichte Verrauchungen können dazu führen, dass Bereiche – etwa medizinisch sensible Räume – vorübergehend geschlossen und aufwendig gereinigt werden müssen. Auch Abhängigkeiten der Gebäudetechnik, etwa wenn PV-Anlagen oder Speicher in die Stromversorgung eingebunden sind, werden häufig erst später sichtbar. Eine ganzheitliche Risikoanalyse deckt solche Wechselwirkungen frühzeitig auf.
– Maik Reimann, Maik Reimann, Risk Consultant bei der SCHUNCK GROUP, spezialisierter Versicherungsmakler für Transport- und Logistik und Teil der Ecclesia GruppeOhne Wartung, Prüfung und Dokumentation gibt es keinen Versicherungsschutz
Was ist Ihr zentraler Rat an Betreiber, die Nachhaltigkeit vorantreiben wollen, ohne neue Sicherheits oder Versicherungsrisiken zu schaffen?
Maik Reimann: Auch bei Nachhaltigkeitsmaßnahmen hat Sicherheit oberste Priorität. PV Anlagen und Speicher sind technische Zündquellen. Entscheidend ist die Betrachtung des Gesamtsystems – frühzeitig Brandschutz, Betrieb, Versicherer und Feuerwehr einbinden. So lassen sich ökologische Ziele erreichen, ohne neue Risiken oder Versicherungslücken zu schaffen.
Wichtige Sicherheitsmaßnahmen für PV Anlagen & Großspeicher
Technische Aspekte
- Lichtbogendetektion in Wechselrichtern, um Fehler frühzeitig zu erkennen.
- Blitz- und Überspannungsschutz, um Schäden durch äußere Einflüsse zu verhindern.
- Begrenzte Feldgrößen und ausreichende Abstände zwischen PV Feldern gemäß den Versicherer-Vorgaben.
- Saubere Brandabschnitte und keine unkontrollierte Weiterleitung über Dachdurchbrüche oder Installationen.
- Abgestimmte Abschaltkonzepte, z. B. Feuerwehr-Trennschalter oder Lösungen über den Haupttransformator.
Organisatorische Aspekte
- Regelmäßige Sichtprüfungen der Anlage, besonders auf dem Dach.
- Thermografien und messtechnische Prüfungen, um Fehlerquellen wie lockere Steckverbindungen aufzudecken.
- Laufendes Monitoring mit klaren Melde- und Reaktionswegen im Störfall.
- Klare Verantwortlichkeiten, vor allem bei Pacht- oder Leasingmodellen.
- Ein Einsatz- und Notfallkonzept, abgestimmt mit Feuerwehr und Betrieb.