Struktur schafft Sicherheit: Wie Qualität im Hebammenkreißsaal entsteht
Der Hebammenkreißsaal am Universitätsklinikum Ulm wurde mit dem HKS+-Zertifikat des Deutschen Hebammenverbands (DHV) ausgezeichnet. Die GRB Gesellschaft für Risiko-Beratung begleitete den Zertifizierungsprozess. Für das Team in Ulm ist die Auszeichnung dabei nicht nur eine Bestätigung bestehender Strukturen, sondern auch Anlass, Prozesse zu überprüfen und das Versorgungskonzept kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Physiologie als Ausgangspunkt
Im Zentrum des Hebammenkreißsaals steht die physiologische Schwangerschaft und Geburt. Für Vera Triphaus, Risikoberaterin der GRB Gesellschaft für Risiko-Beratung, verfolgt das Versorgungsmodells daher einem klaren Grundgedanken. Schwangerschaft und Geburt zunächst als natürliche Vorgänge zu betrachten: „Erst wenn Risiken oder Auffälligkeiten auftreten, wird geprüft, ob zusätzliche medizinische Betreuung erforderlich ist.“ Wie dieses Prinzip in der Praxis funktioniert, beschreibt Susanne Lehr, Bereichsleitung Geburtshilfe am Universitätsklinikum Ulm: „Die Hebamme ist die Fachfrau für die Physiologie. Wenn weitere medizinische Kompetenzen benötigt werden, etwa aus der Gynäkologie, Pädiatrie oder Anästhesie, beziehen wir sie ein – aber nur dort, wo wir sie brauchen. Für mich ist das auch mit Blick auf die Zukunft ein ressourcenschonendes Konzept.“
Qualität durch klare Prozesse
Für das Universitätsklinikum Ulm sind Patientensicherheit und Qualität zentrale Ziele der Zertifizierung. Die Vorbereitung auf das Audit war zugleich Anlass, bestehende Strukturen und Abläufe des Hebammenkreißsaals zu überprüfen und weiterzuentwickeln.
Dabei wurden unter anderem die Aufnahmekriterien angepasst. „Wir haben unsere Kriterien erweitert. So können heute beispielsweise auch Frauen nach einer vorangegangenen Sectio oder mit bestimmten Formen eines Gestationsdiabetes für den Hebammenkreißsaal infrage kommen“, sagt Regina Braunmiller, Projektleitung Hebammenkreißsaal am Universitätsklinikum Ulm. Für bestimmte Fälle sind ärztliche Konsile vorgesehen. Die Vorgespräche führen die Hebammen grundsätzlich eigenständig und entscheiden auf Grundlage der festgelegten Kriterien über die Freigabe für den Hebammenkreißsaal. Bei definierten Kriterien oder Auffälligkeiten wird ärztliche Expertise hinzugezogen. Für Susanne Lehr endet Qualitätsentwicklung nicht mit dem erfolgreichen Audit: „Ein Erstaudit ist ein Start. Wenn wir uns rezertifizieren lassen wollen, müssen wir uns weiterentwickeln. Deshalb schauen wir immer wieder: Wo können wir anpassen, wo optimieren, was können wir besser machen?“
Zusammenarbeit im Team
Die Erfahrungen aus dem Hebammenkreißsaal wirken sich auch auf die Zusammenarbeit im Team aus. Je nach Geburtsphase wird eine zweite Hebamme zur kollegialen Beratung oder zur Unterstützung hinzugezogen. Diese Form der Zusammenarbeit findet nach den Erfahrungen am Universitätsklinikum Ulm zunehmend auch im übrigen Kreißsaal Anwendung. „Wir holen uns häufiger eine Kollegin dazu, um gemeinsam auf die Situation zu schauen. Das stärkt uns gegenseitig und bringt oft noch einmal neue Ideen und Perspektiven“, sagt Regina Braunmiller.
Die gesamte Bandbreite der Geburtshilfe
Für das Universitätsklinikum Ulm als Maximalversorger ergänzt der Hebammenkreißsaal das geburtshilfliche Spektrum um eine hebammengeleitete Versorgungsform für physiologische Geburten. Das ist auch für die Ausbildung angehender Hebammen von Bedeutung.
„Wir haben den Auftrag, die gesamte Bandbreite der Geburtshilfe abzubilden – von der physiologischen Geburt im Hebammenkreißsaal bis zur Betreuung von Hochrisikoschwangerschaften und Frühgeburten“, sagt Susanne Lehr. Gemeinsam mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Heidenheim bildet das Universitätsklinikum Ulm mehr als 70 Hebammenstudierende aus. Der Hebammenkreißsaal erweitert ihr Ausbildungsspektrum und ermöglicht entsprechende Erfahrungen für die spätere Berufspraxis.
Ausbau braucht Ressourcen
Derzeit ist die Zahl der Frauen, die pro Monat im Hebammenkreißsaal aufgenommen werden können, begrenzt. Das Team möchte das Angebot perspektivisch ausbauen. Wie weit dies möglich ist, hängt jedoch wesentlich von den verfügbaren Personalressourcen ab. „Unser Ziel ist, alle Frauen gut zu betreuen“, betont Susanne Lehr. Eine Ausweitung des Hebammenkreißsaals dürfe deshalb nicht zulasten der Betreuung im übrigen Kreißsaal gehen. Für eine nachhaltige Weiterentwicklung braucht es aus ihrer Sicht verlässliche personelle und finanzielle Rahmenbedingungen. Genau hier setzt die HKS+-Zertifizierung an. Sie ist dabei weniger Abschluss als vielmehr Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung. Für das Team bedeutet sie, das Versorgungskonzept kontinuierlich weiterzudenken und immer wieder die Qualität der Betreuung zu überprüfen.
Drei Fragen an Susanne Lehr
Von der Begleitung der Frauen über die Hebammenarbeit bis zur langfristigen Perspektive: Susanne Lehr, Bereichsleitung Geburtshilfe am Universitätsklinikum Ulm, vertieft drei Aspekte des Hebammenkreißsaals.
Was bedeutet der Hebammenkreißsaal konkret für Frauen, die sich für dieses Angebot entscheiden?
Susanne Lehr: Für die Frauen bedeutet der Hebammenkreißsaal zunächst eine zusätzliche Wahlmöglichkeit. Besonders wertvoll sind für mich die intensiven Vorgespräche. Wir lernen die Frauen bereits während der Schwangerschaft kennen und können sie gezielt auf die Geburt vorbereiten. Gleichzeitig rückt die physiologische Geburt stärker in den Fokus. Aus meiner Sicht ist das auch über die Geburt hinaus wichtig, etwa mit Blick auf das Wochenbett und die Stillbeziehung.
Wie verändert der Hebammenkreißsaal die Arbeit der Hebammen?
Susanne Lehr: Für mich als leitende Hebamme ist wichtig, dass wir damit den Betreuungsbogen der Hebammenarbeit im klinischen Umfeld erweitern. Durch die Vorgespräche haben wir bereits in der Schwangerschaft einen intensiveren Kontakt zu den Frauen. Gerade als Maximalversorger mit einem hohen Anteil an Risikoschwangerschaften gibt uns der Hebammenkreißsaal die Möglichkeit, die Physiologie in der Hebammenarbeit bewusst zu stärken.
Welche Perspektive sehen Sie langfristig für den Hebammenkreißsaal und die Rolle der Hebammen?
Susanne Lehr: Wenn wir zukunftsorientiert denken, sehe ich durchaus die Perspektive, die Hebamme stärker als Primärversorgerin zu verstehen. Der hebammengeleitete Kreißsaal ist für mich ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Er stärkt die eigenständige Hebammenarbeit im klinischen Setting und zeigt, welche Verantwortung Hebammen bei der Betreuung physiologischer Schwangerschaften und Geburten übernehmen können.