Die fragile Seite der Sicherheit
Die neue Logik der Risikofinanzierung
Volatile Märkte, steigende Schadenkosten und neue Risikolagen erhöhen den Druck auf Unternehmen, Risiken langfristig planbar zu steuern. Gleichzeitig stoßen klassische Versicherungsprogramme zunehmend an Grenzen – auch bei mittelständischen Unternehmen. Deshalb rücken Captives und hybride Eigentragungsmodelle verstärkt in den Fokus. Gert Wellhöfer, Geschäftsführer von Ecclesia Re, erklärt im Interview, warum strukturierte Eigentragung an Bedeutung gewinnt und wie Unternehmen dadurch mehr Stabilität und Unabhängigkeit erreichen können.
– Gert Wellhöfer, Geschäftsführer Ecclesia ReViele Unternehmen stellen heute fest, dass klassische Versicherungsprogramme allein nicht mehr ausreichen, um Risiken langfristig stabil und wirtschaftlich zu steuern.
Volatile Prämien, unverändert restriktivere Zeichnung und sinkende Kapazitäten für komplexe Risiken prägen aktuell den Markt. Beobachten Sie diese Entwicklung aus Rückversicherungssicht eher als temporären Zyklus oder als strukturelle Verschiebung?
Gert Wellhöfer: Der Versicherungsmarkt bleibt grundsätzlich zyklisch. Naturkatastrophen, geopolitische Unsicherheiten, Inflation und strengere Kapitalanforderungen verändern die Risikolandschaft jedoch nachhaltig und gehen deutlich über klassische Marktbewegungen hinaus. Versicherer und Rückversicherer prüfen heute wesentlich selektiver, welche Risiken sie zeichnen und in welchem Umfang sie Kapazitäten bereitstellen. Unternehmen sollten deshalb nicht darauf vertrauen, dass sich die Situation kurzfristig wieder vollständig entspannt.
Risikofinanzierung wird zunehmend zu einer strategischen Aufgabe, die mittelund langfristig gedacht werden muss.
Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung speziell auf mittelständische Unternehmen – gerade im Vergleich zu großen Industriekunden?
Gert Wellhöfer: Viele mittelständische Unternehmen haben sich im Gegensatz zu großen Industriekonzernen historisch weniger intensiv mit strukturierter Eigentragung beschäftigt. Wenn dann Prämien steigen, Selbstbehalte wachsen oder bestimmte Deckungen eingeschränkt werden, wirkt sich das unmittelbar auf Planungssicherheit und Ergebnisstabilität aus.
Gleichzeitig verändert sich aber auch das Bewusstsein. Das klassische Verständnis, dass jedes Risiko vollständig versicherbar ist, trägt vielerorts nicht mehr. Unternehmen beschäftigen sich deshalb zunehmend mit der Frage, welche Risiken sie künftig selbst tragen oder anders
finanzieren wollen. Früher bestand häufig die Erwartung, dass ein Versicherer im Zweifel jeden Schaden vollständig übernimmt. Heute sehen viele Unternehmen, dass das so nicht mehr funktioniert – zumindest nicht wirtschaftlich sinnvoll.
Wo sehen Sie aus Rückversicherungssicht aktuell die größten Grenzen klassischer Versicherungsprogramme im Mittelstand – eher bei Kapazitäten, Struktur oder Risikotragfähigkeit?
Gert Wellhöfer: Es ist letztlich eine Kombination aus allen drei Punkten. Klassische Programme arbeiten häufig mit standardisierten Strukturen und begrenzten Kapazitäten, wodurch sich individuelle Risikoprofile nur eingeschränkt abbilden lassen. Besonders sichtbar wird
das in Branchen mit komplexeren Risiken. Recyclingunternehmen sind ein gutes Beispiel. Dort sehen wir teilweise sehr hohe Prämien bei gleichzeitig erheblichen Selbstbehalten. Wir hatten zuletzt einen Fall, in dem ein Unternehmen für zehn Millionen Euro Versicherungsschutz in der Sachversicherung rund drei Millionen Euro Prämie zahlen sollte – bei einem Selbstbehalt in ähnlicher Größenordnung.
Auch im Cyberbereich beobachten wir bei eher kritischen Betriebsarten diese Entwicklung. Unternehmen erhalten teilweise nur noch deutlich reduzierte Kapazitäten, obwohl entsprechende Deckungen von Auftraggebern oder Geschäftspartnern inzwischen vorausgesetzt werden.
– Gert Wellhöfer, Geschäftsführer Ecclesia ReHybride Eigentragungsmodelle bieten gerade im Mittelstand die Möglichkeit, schrittweise Erfahrungen mit strategischer
Risikofinanzierung zu sammeln, ohne sofort komplexe Strukturen aufbauen zu müssen.
Welche Rolle spielt die Kombination aus Erstversicherung, Eigentragung und Rückversicherung, um diese Grenzen gezielt zu überwinden?
Gert Wellhöfer: Unternehmen müssen Risiken künftig deutlich differenzierter organisieren als früher. Existenzbedrohende Risiken sollten weiterhin über den Versicherungsmarkt abgesichert bleiben. Kalkulierbare Risiken lassen sich dagegen häufig wirtschaftlich selbst tragen oder über strukturierte Eigentragungsmodelle organisieren. Die Rückversicherung übernimmt dabei die Funktion, außergewöhnliche Großschäden oder Extremereignisse abzusichern. Dadurch entsteht insgesamt ein deutlich stabilerer Ansatz.
Ecclesia Re fokussiert sich auf alternative Risikotransferlösungen, Specialty-Strukturen und Captives. Welche dieser Bausteine gewinnen aktuell im Mittelstand besonders an Bedeutung – und warum?
Gert Wellhöfer: Vor allem captive-nahe und hybride Eigentragungsmodelle gewinnen derzeit stark an Bedeutung. Sie ermöglichen Unternehmen, ihre Risikokosten langfristiger zu steuern und sich unabhängiger von kurzfristigen Marktzyklen zu machen. Besonders Finanzverantwortliche möchten heute wesentlich genauer verstehen, welche Risiken tatsächlich transferiert werden und welche Kosten damit verbunden sind. Diese Transparenz wird immer wichtiger. Alternative Risikofinanzierungen ergänzen klassische Versicherungsprogramme
sinnvoll. Sie lösen allerdings nicht jedes Marktproblem automatisch.
Wie unterscheiden sich diese Ansätze in ihrer Funktionsweise – und in welchen Situationen ist welches Modell sinnvoll?
Gert Wellhöfer: Alternative Risikotransferlösungen eignen sich häufig für klar definierte Risiken oder begrenzte Laufzeiten. Captives dagegen sind langfristige Steuerungsinstrumente mit strategischem Charakter. Eine Captive wird nicht gegründet,
weil sie kurzfristig attraktiv erscheint. Dahinter stehen immer langfristige Überlegungen – organisatorisch, regulatorisch und natürlich auch kapitalseitig. Deshalb sehen wir im Mittelstand aktuell häufig hybride Modelle oder virtuelle Captives als Einstiegslösung. Diese hybriden
Modelle bieten vielen Unternehmen einen praktikablen Zugang, weil sie skalierbarer sind und die Komplexität beherrschbar bleibt.
– Gert Wellhöfer, Geschäftsführer Ecclesia ReWas früher vor allem als Thema für Großkonzerne galt, wird heute zunehmend als strategisches Steuerungsinstrument verstanden.
Sie haben gerade virtuelle Captives angesprochen. Was genau versteht man darunter?
Gert Wellhöfer: Eine virtuelle Captive funktioniert vereinfacht gesagt über die Infrastruktur eines Versicherers. Unternehmen müssen dadurch nicht unmittelbar ein eigenes Versicherungsunternehmen gründen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Risiken nicht mehr rein einjährig betrachtet werden. Stattdessen werden Schäden über mehrere Jahre geglättet. Unternehmen bauen dabei schrittweise eigene Rückstellungen auf der Bilanz eines Dritten auf und schaffen so langfristige Risikopuffer durch eine adäquate Gewinnverteilung.
Wenn ein Unternehmen beispielsweise ein Risiko von fünf Millionen Euro selbst tragen möchte, muss die entsprechende Kapitalbindung nicht sofort vollständig aufgebaut werden. Stattdessen kann das Risiko über mehrere Jahre strukturiert finanziert werden. Dadurch lassen sich Schwankungen reduzieren und Risiken kontrollierter finanzieren. Für mittelständische Unternehmen kann das ein sinnvoller Einstieg sein, weil die Komplexität deutlich geringer bleibt als bei einer klassischen Captive-Struktur.
Captives galten lange als Instrument für Großkonzerne. Was hat sich verändert, dass solche Modelle heute auch für den Mittelstand realistisch werden?
Gert Wellhöfer: Mittelständische Unternehmen verfügen heute über eine deutlich bessere Datenqualität und professionellere Risiko- und Governance- Strukturen als noch vor einigen Jahren. Viele Aufgaben rund um Captives oder strukturierte Eigentragung lassen sich mittlerweile standardisiert organisieren oder auslagern. Dadurch werden solche Modelle insgesamt praktikabler. Auch das Risikobewusstsein hat sich verändert. Was früher vor allem als Thema für Großkonzerne galt, wird heute zunehmend als strategisches Steuerungsinstrument verstanden.
Was bedeutet „skalierbare Risikofinanzierung“ konkret – insbesondere im Hinblick auf Kapitalbindung, Komplexität und Governance?
Gert Wellhöfer: Skalierbarkeit bedeutet, dass sich die Risikofinanzierung flexibel an Unternehmensentwicklung, Marktbedingungen und Risikoappetit anpassen lässt. Wenn ein Unternehmen wächst oder sich die Risikosituation verändert, kann auch die Eigentragung schrittweise
erweitert werden. Parallel dazu lässt sich das Verhältnis zwischen Eigentragung und externem Risikotransfer flexibel steuern. In weicheren Märkten kann es sinnvoll sein, wieder mehr Risiken extern zu platzieren. Werden Märkte restriktiver, kann höhere Eigentragung wirtschaftlicher sein. Genau diese Flexibilität wird künftig immer wichtiger.
– Gert Wellhöfer, Geschäftsführer Ecclesia ReWir betrachten nicht nur einzelne Versicherungsverträge, sondern die gesamte strategische Risikofinanzierung eines Unternehmens.
Wo liegt Ihr größter Hebel: in der Strukturierung solcher Modelle, im Zugang zum Rückversicherungsmarkt oder in der Kombination beider Welten?
Gert Wellhöfer: Unsere Stärke liegt eindeutig in der Kombination aus Strukturierungskompetenz, aktuariellem Know-how und internationalem Marktzugang. Wir betrachten nicht nur einzelne Versicherungsverträge, sondern die gesamte strategische Risikofinanzierung eines Unternehmens. Gemeinsam mit dem Kunden analysieren wir die Gesamtrisikokosten, bewerten unterschiedliche Szenarien und entwickeln darauf aufbauend passende Modelle.
Zudem verfügen wir über direkten Zugang zu internationalen Rückversicherungsmärkten und können dadurch noch passgenauer individuelle Lösungen strukturieren.
Wie gehen Sie konkret vor, wenn ein mittelständisches Unternehmen prüft, ob ein Eigentragungsmodell sinnvoll ist?
Gert Wellhöfer: Am Anfang steht immer die Analyse des sogenannten Total Cost of Risk. Wir betrachten also nicht nur Prämien, sondern die gesamte Risikosituation eines Unternehmens – inklusive Schadenhistorie, Kapitalbindung und Risikotragfähigkeit. Darauf aufbauend bewerten wir gemeinsam verschiedene Szenarien und entwickeln anschließend ein Modell, das organisatorisch und wirtschaftlich sinnvoll funktioniert. Nicht jedes Unternehmen benötigt sofort eine komplexe Captive-Struktur. Häufig sind hybride oder schrittweise Lösungen zunächst praktikabler.
Können Sie ein konkretes Beispiel aus dem Mittelstand skizzieren, bei dem die Kombination aus Versicherung, Eigentragung und Rückversicherung zu mehr Stabilität oder Steuerungsfähigkeit geführt hat?
Gert Wellhöfer: Wir sehen solche Entwicklungen aktuell beispielsweise bei Unternehmen mit hohen Sach- oder Feuerrisiken. Dort stoßen klassische Versicherungsprogramme teilweise an wirtschaftliche Grenzen, weil Kapazitäten eingeschränkt werden oder Selbstbehalte passiv steigen. Durch hybride Eigentragungsmodelle lassen sich solche Risiken strukturierter finanzieren. Unternehmen übernehmen kalkulierbare Risiken selbst, während außergewöhnliche Großschäden weiterhin abgesichert bleiben. Dadurch entsteht mehr Planbarkeit, gleichzeitig aber auch ein deutlich besseres Verständnis für die eigenen Risikokosten.
Wir gestalten Risikofinanzierung neu
Volatile Prämien, unverändert restriktivere Zeichnungspolitiken und sinkende Kapazitäten für komplexe Risiken verändern den Versicherungsmarkt nachhaltig. Gleichzeitig wächst bei vielen Unternehmen der Druck, Risiken langfristig planbarer, stabiler und unabhängiger vom
Markt zu finanzieren.
Ecclesia Re unterstützt Unternehmen dabei,
- bestehende Versicherungsprogramme und Risikostrukturen ganzheitlich zu analysieren,
- Eigentragungs- und Captive-Modelle wirtschaftlich zu bewerten,
- Rückversicherung und Risikotransfer strategisch zu kombinieren
- sowie hybride und skalierbare Risikofinanzierungslösungen
zu entwickeln.
Im Fokus steht dabei nicht nur der Versicherungsschutz selbst, sondern ein langfristig belastbares Gesamtkonzept aus Risikofinanzierung, Stabilität und unternehmerischer Steuerungsfähigkeit.
Der Artikel “Die fragile Seite der Sicherheit” stammt aus der Market Response. Die Market Response 2026 zeigt, welche Entwicklungen den Markt prägen, wie Versicherer Risiken bewerten und welche Handlungsmöglichkeiten sich für Unternehmen und Organisationen daraus ergeben. Kompakt, fundiert und praxisnah.