Branchen Soziales

Inklusion, die wirkt

Herzensprojekt: Wie der Wittekindshof neue Wege in Arbeit, Bildung und Selbstbestimmung für Menschen mit Beeinträchtigung ermöglicht.

Inklusion hat viele Gesichter: Im Café SoLero kochen Menschen mit Beeinträchtigung ein Drei-Gänge-Menü, in Bochum lehren sie an der Hochschule und in Gronau sorgt Lukas Roozendaal als fest angestellter Mitarbeiter für reibungslose Abläufe. Der Wittekindshof begleitet sie auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben – mit Projekten, die Mut machen und zeigen, was gelebte Teilhabe bedeutet.

Montagmorgen in Bad Oeynhausen. Eigentlich ist das Kontakt- und Informationszentrum (KIZ) Café SoLero geschlossen – doch heute herrscht dort geschäftiges Treiben. Aus der Küche duftet es nach frischen Kräutern, auf den Tischen funkeln polierte Gläser, und in der Luft liegt 
gespannte Vorfreude. Der Anlass: ein besonderes Dinner, das gut schmecken und  auch stolz machen soll. Jan-Pascal Röding steht hinter der Theke und bringt die letzten Gläser auf Hochglanz. Nebenan faltet Melanie Busch sorgfältig Servietten und richtet Teller und Besteck in perfekter Symmetrie aus. In der Küche wäscht Anke Eich Salat und Tomaten – konzentriert, aber mit einem Lächeln. „Wir haben heute ein Drei-Gänge-Menü geplant, um zu zeigen, was wir bei unserer Arbeit im KIZ gelernt haben“, sagt Jan-Pascal Röding

Gemeinsam mit Melanie Busch und Anke Eich arbeitet er im Rahmen eines ausgelagerten Werkstatt-Arbeitsplatzes im KIZ Café SoLero – einem Angebot des Wittekindshofes, das berufliche Teilhabe in der Gastronomie ermöglicht. Der Wittekindshof ist eine diakonische Stif
tung mit Hauptsitz in Bad Oeynhausen, die Menschen mit geistiger und mehrfacher Beeinträchtigung begleitet, fördert und unterstützt – vom Wohnen über Arbeit bis hin zur Bildung.Unterstützt werden die drei Gastgeberinnen und Gastgeber vom KIZ-Team rund um Bereichsleiter Jeremy Lander und seinen Stellvertreter Benjamin Drake sowie vom Fachteam „Arbeit und Berufliche Integration“ (ABI) des Wittekindshofes. „Wir bereiten die Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung praxisnah auf die Anforderungen im Job vor und qualifizieren sie gezielt weiter“, erklärt 
Kerstin Waterbär vom ABI-Team.

Bereits im Frühjahr 2023 hatten die drei ihren Grundkurs „Hauswirtschaft, Service, Gastro“ erfolgreich abgeschlossen – eine Kooperation von KIZ und ABI. Jetzt wollen sie zeigen, was sie gelernt haben. „Die drei haben die komplette Menüplanung, Einladungen, Tischdekoration, Einkauf, Vor- und Zubereitung sowie den Service übernommen“, lobt Benjamin Drake, selbst gelernter Koch.

Die Nervosität vor dem Dinner ist groß. Doch Anke Eich hat ihr Rezept schon mehrfach erprobt: „Ich habe das Rezept schon mal ausprobiert. Und es hat allen super geschmeckt“, erzählt sie. Für die Vorspeise hat sie Wrap-Röllchen mit Salaten der Saison und Tomate-Mozzarella-Spießen vorbereitet. Melanie Busch ist für den Hauptgang zuständig: Schweineschnitzel mit Pfifferlingsrahmsauce und Semmelknödel im Glas – wahlweise auch als vegetarisches Kohlrabi-Schnitzel. „Das fällt mir nicht schwer, ich koche auch viel zu Hause“, sagt sie selbstbewusst.

Und das Dessert? Dafür ist Jan-Pascal Röding verantwortlich. Der gelernte Fachpraktiker für Küche, ausgebildet am Bildungswerk des Wittekindshofes, hat sich für einen „Zwetschgentraum“ entschieden – mit Mascarponecreme und karamellisierten Haselnuss-Splittern. 
„Bei der Nachspeise kann man sich richtig ausleben“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Als die Gäste schließlich Platz nehmen und das Menü serviert wird, ist die Aufregung verflogen. Der Abend wird ein voller Erfolg – und mehr als das: ein Beweis dafür, dass Inklusion dort gelingt, wo Vertrauen und Verantwortung geteilt werden. „Ich war sehr aufgeregt, aber es hat alles geklappt und Spaß gemacht“, fasst Anke Eich zusammen. „Wir haben das als Team gut hinbekommen. Es war ein interessantes Projekt, und man lernt immer noch Neues“, ergänzt Jan-Pascal Röding 

Lernen auf Augenhöhe

Im Bochum füllt sich ein Hörsaal an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gesundheit. Studierende des 
Fachbereichs Gesundheitswissenschaften warten gespannt auf ihre Dozentinnen und Dozenten – diesmal zwei ganz besondere: Anke de Vries und Daniel Beisbart. Beide leben mit dem Prader-Willi-Syndrom (PWS), einer seltenen genetischen Erkrankung, die mit geistiger Beeinträchtigung und Esssucht einhergeht. Heute stehen sie selbstbewusst vor dem Seminar und berichten über 
ihr Leben. „Ich möchte, dass Ärzte besser über meine Erkrankung Bescheid wissen und andere Betroffene besser Hilfe bekommen“, sagt Anke de Vries. Daniel Beisbart nickt: „Deshalb berichten wir heute aus unserem Leben mit PWS.“

Unterstützt werden sie vom Fachteam des Wittekindshofes für PWS in Herne. Dort erhalten Menschen mit dieser Erkrankung spezialisierte Begleitung und Unterstützung im Alltag. Anke de Vries erzählt: „Ich habe sieben Jahre im Wittekindshofer Wohnhaus am Emsring gewohnt. Dort habe ich mich halbiert.“ Stolz berichtet sie von ihrer erfolgreichen Gewichtsabnahme und ihrem neuen Lebensabschnitt im Wohnhaus an der Mont-Cenis-Straße. Das Intensiv-ambulante Wohnkonzept – verhilft Menschen mit PWS oder Adipositas zu mehr Selbstständigkeit. „Mein Ziel ist es, alleine zu wohnen und ambulant unterstützt zu werden.“

Das Projekt „Gemeinsam Lernen und Lehren“ bringt Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in der Lehre zusammen. Julia Brüggemann, Sozialwissenschaftlerin und Projektmitarbeiterin, begleitet es seit Beginn: „Unser Ziel ist es, Barrieren sichtbar zu machen und neue Per
spektiven für das Gesundheitswesen zu eröffnen.“ Auch die Studierenden profitieren. „Vorher wusste ich kaum etwas über das Prader-Willi-Syndrom“, sagt Anna Brendel, Studentin im sechsten Semester. „Jetzt sehe ich viele Situationen mit anderen Augen – zum Beispiel, dass ein einfacher Gang in die Mensa für manche Menschen sehr herausfordernd sein kann.“ Hier entsteht Inklusion nicht als Konzept, sondern als Begegnung – auf Augenhöhe, mit gegenseitigem Respekt und echtem Erkenntnisgewinn.

Vom Lernort zur festen Anstellung

Dass Teilhabe auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt möglich ist, beweist Lukas Roozendaal aus Heek. Der 28-Jährige steht auf einem orangefarbenen Hubwagen, den er „Manni“ nennt, und zieht Kabel durch die Schächte im Wirtschaftszentrum Gronau. „Eigentlich haben 
die technischen Geräte hier Frauennamen, aber bei ,Manni‘ ist das anders“, sagt er grinsend.

Lukas Roozendaal hat seinen Weg Schritt für Schritt gemacht – vom Schüler der Johannesschule für geistige Entwicklung des Wittekindshofes über Praktika bis hin zur Festanstellung bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Gronau. Schon früh erkannte Hausmeister Klaus Damaske das Potenzial des jungen Mannes. „Die Chemie passte von Anfang an“, erinnert er sich.

Nach der Schule wechselte Lukas Roozendaal in die Wittekindshofer Werkstätten, blieb aber in engem Kontakt zur Wirtschaftsförderung. Mit Unterstützung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe und des Wittekindshofes gelang schließlich der Übergang in eine feste Anstellung.„Unter der Anleitung von Klaus Damaske hat Lukas Roozendaal schnell Verantwortung übernommen und ist heute Klaus’ rechte Hand“, sagt Geschäftsführerin Katharina Vater. „Er ist eine echte Stütze im Team geworden und wir planen langfristig mit ihm.“

„Klaus ist auch heute noch so etwas wie eine Vaterfigur für mich. Ich bin ihm sehr dankbar, er hat mir alles gezeigt“, sagt Lukas Roozendaal. Inzwischen kümmert er sich eigenständig um Außenpflege, kleinere Reparaturen und die Koordination von Handwerkern – und ist aus dem Team nicht mehr wegzudenken.

Ein Netzwerk, das Türen öffnet

Ob im Inklusionscafé, im Hörsaal oder im Betrieb – überall entstehen Begegnungen, in denen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam wachsen. Der Wittekindshof begleitet sie dabei – mit Fachwissen, Vertrauen und einem klaren Ziel: Menschen zu befähigen, 
ihren eigenen Weg zu gehen.

Inklusion ist hier kein Schlagwort, sondern gelebter Alltag. Sie zeigt sich im Teamgeist eines Serviceprojekts, in der Offenheit eines Hochschulkurses und in der Selbstständigkeit eines Mitarbeiters, der längst zum unverzichtbaren Kollegen geworden ist. Denn wenn Menschen Räume bekommen, in denen sie sich ausprobieren dürfen, entstehen Geschichten wie diese – Geschichten, die zeigen, was möglich ist, wenn 
man aneinander glaubt.

Zum Wittekindshof: 

Die Diakonische Stiftung Wittekindshof, gegründet 1887, ist ein führendes diakonisches Dienstleistungsunternehmen mit rund 3.900 Mitarbeitenden, das in 19 Städten in NRW Menschen mit und ohne Beeinträchtigung unterstützt. Die Angebote um- fassen Wohnen, Bildung, Arbeit, Gesundheit und Freizeit und fördern aktiv die soziale Teilhabe. Der Gesamtumsatz der Diakonischen Stiftung Wittekindshof betrug inklusive der betrieblichen Erträge 2024 insgesamt rund 273 Millionen Euro.