Risiken verstehen, Lieferketten absichern
Die LUTZ Assekuranz begleitet seit mehr als 50 Jahren internationale Transporte und gilt insbesondere in Osteuropa als einer der führenden Spezialmakler. Im Interview sprechen die beiden Geschäftsführer der LUTZ Assekuranz, Tamer Kiliç und Herbert Hasenhütl, darüber, wie sie Risiken einschätzen, Herausforderungen begegnen und weshalb Diversität für sie ein entscheidender Erfolgsfaktor ist.
Welche Entwicklungen beschäftigen Ihre Kunden derzeit am stärksten?
Tamer Kiliç: Der Fahrermangel ist derzeit eines der größten Themen. Nicht nur lokal, sondern europaweit. Länder werben aktiv um Fahrer aus dem Ausland, was einen regelrechten Wettbewerb entfacht. Das wirkt sich unmittelbar auf Kapazitäten und Kosten aus. Gleichzeitig belasten lange Zahlungsziele die Branche enorm. Viele Spediteure müssen Transporte vorfinanzieren. Das erhöht den finanziellen Druck massiv und führt dazu, dass Unternehmen an allen möglichen Stellen sparen müssen – auch bei Versicherungsleistungen. Und genau an diesem Punkt ist es wichtig, zu erklären, wo Sparen sinnvoll ist und wo es gefährlich wird.
Herbert Hasenhütl: Ein weiterer Punkt, der häufig unterschätzt wird: veränderte Transportwege. Geopolitische Spannungen führen dazu, dass sich etablierte Routen ändern müssen. Das verlängert nicht nur die Transportzeiten, sondern verschiebt auch das Risikoprofil in Regionen, die bislang wenig im Fokus standen. Parallel dazu werden die regulatorischen Anforderungen strenger. Viele unserer Kunden müssen heute Dokumentationspflichten erfüllen, die es vor einigen Jahren in dieser Form noch nicht gab.
– Herbert Hasenhütl, Geschäftsführer LUTZ-AssekuranzHeute sehen wir eine starke Verschiebung hin zu Diebstählen, Unterschlagungen und kompletten Warenverluste, da die Warenwerte und damit die Attraktivität für organisierte Kriminalität steigen.
Welche Risiken werden noch häufig unterschätzt – und wie entwickeln sich die Schadenbilder?
Herbert Hasenhütl: Früher dominierten klassische Unfallbeschädigungen. Mittlerweile sind Fahrzeuge technisch besser ausgestattet, wodurch schwere Unfälle seltener werden. Heute sehen wir eine starke Verschiebung hin zu Diebstählen, Unterschlagungen und kompletten Warenverluste, da die Warenwerte und damit die Attraktivität für organisierte Kriminalität steigen.
Tamer Kiliç: Auch kumulative Schäden werden oft unterschätzt. Wenn eine Fähre sinkt, auf der 40 oder 50 Lkw desselben Spediteurs stehen, entsteht ein Schaden in Millionenhöhe. Viele Unternehmen denken in Einzelschäden, nicht in Cluster-Risiken. Außerdem werden Cyberrisiken noch zu oft ausgeblendet – dabei können digitale Angriffe ganze Transportketten lahmlegen. Wir versuchen, unsere Kunden davon zu überzeugen, dass technische Prävention genauso wichtig ist wie physische Sicherungsmaßnahmen.
– Tamer Kiliç, Geschäftsführer LUTZ-AssekuranzWenn ein Kunde offenlegt, wie er transportiert, welche Zwischenstationen geplant sind oder welche internen Sicherheitsprozesse existieren, können wir passend absichern. Transparenz – auf beiden Seiten – ist dabei der Schlüssel.
Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Absicherung internationaler Lieferketten?
Herbert Hasenhütl: Die größte Herausforderung ist und bleibt die Vielfalt der Rechtsräume. Ein Transport von der Türkei nach Deutschland beispielsweise durchquert mehrere Länder mit verschiedenen Haftungsregimen, Sicherheitsniveaus und Behördenstrukturen. Das macht eine standardisierte Risikobewertung praktisch unmöglich. Besonders komplex wird es, wenn neue Routen befahren werden und wir Risiken bewerten müssen, die bislang kaum Erfahrungswerte bieten.
Tamer Kiliç: Ein entscheidender Faktor ist die Informationsqualität. Wir können nur so gut beraten, wie wir über Abläufe informiert sind. Wenn ein Kunde offenlegt, wie er transportiert, welche Zwischenstationen geplant sind oder welche internen Sicherheitsprozesse existieren, können wir passend absichern. Transparenz – auf beiden Seiten – ist dabei der Schlüssel.
LUTZ ist in insbesondere in Osteuropa sehr erfolgreich. Was ist der Grund dafür?
Tamer Kiliç: Wir sind seit Jahrzehnten in diesen Märkten präsent und kennen praktisch jeden relevanten Player. Unser größter USP ist jedoch: Wir kommunizieren in der Landessprache – nicht nur im Vertrieb, sondern auch im Schadenfall. Das schafft ein anderes Vertrauensverhältnis. Außerdem bieten wir unsere Produkte nicht einfach übersetzt an. Wir entwickeln Wordings, die auf lokale Gesetze ausgelegt sind, weil viele mittelständische Unternehmer englischsprachige Vertragswerke nicht vollständig verstehen würden.
Herbert Hasenhütl: Und wir verstehen die Kulturen. Viele unserer Mitarbeitenden kommen aus Bulgarien, Polen, der Türkei oder Rumänien. Das ist ein unschätzbarer Vorteil, weil kulturelle Feinheiten im Geschäftsleben oft entscheidend sind.
Was die Märkte unterscheidet, ist ihre Preissensibilität – historisch bedingt. Viele osteuropäische Unternehmen waren lange an staatliche Versicherer gewöhnt, die wenig Leistung boten. Heute erhalten sie wesentlich umfassendere Deckungen, und wir investieren viel Zeit, diesen Mehrwert zu erklären.
Welche Rolle spielt Digitalisierung im Schadenmanagement?
Herbert Hasenhütl: Digitale Daten helfen uns, Schäden präzise nachzuvollziehen. Ob GPS, Log-Daten oder Tracking-Plattformen – wir wissen heute ziemlich genau, wann und wo etwas passiert ist. Das erleichtert die Beweisführung enorm und sorgt für schnellere Abwicklungen. Zudem erkennen wir auf Basis von Datenanalysen Muster. Dadurch können wir gemeinsam mit Kunden präventive Maßnahmen entwickeln, bevor der nächste Schaden entsteht.
Wie finden Sie gemeinsam mit Kunden eine Balance zwischen Eigenbehalt und Versicherungsschutz?
Tamer Kiliç: Das hängt stark vom Risikoprofil ab. Manche Unternehmen wollen möglichst viel selbst tragen, um Prämien zu senken. Andere möchten maximale Sicherheit. Wir analysieren Prozesse, Routen, Schadenerfahrungen und die finanzielle Belastbarkeit des Unternehmens. Ein gut gewählter Selbstbehalt ist oft ein sinnvoller Mittelweg: Er stärkt das eigene Risikobewusstsein und reduziert gleichzeitig die Kosten. Aber er muss tragbar sein – finanziell wie organisatorisch.
Was hat sich in 50 Jahren LUTZ am stärksten verändert?
Herbert Hasenhütl: Abgesehen vom Wandel der Schadenbilder hat sich vor allem die Geschwindigkeit verändert. Früher wurde ein Schaden per Brief gemeldet – heute läuft alles digital. Auch die Komplexität ist gestiegen: mehr Regularien, mehr Beteiligte, mehr Schnittstellen. Aber das ist ein gesellschaftliches Phänomen, nicht nur ein branchenspezifisches.
Tamer Kiliç: Und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Früher waren die Margen in der Logistik ganz anders. Heute arbeiten viele Unternehmen nahezu am Limit. Das macht unsere Beratung umso wichtiger. Parallel dazu haben sich die regulatorischen Anforderungen vervielfacht – ob durch die EU, nationale Zollvorschriften oder internationale Handelsabkommen.
Was unterscheidet LUTZ von klassischen Industriemaklern?
Herbert Hasenhütl: Wir entwickeln seit Jahrzehnten unsere eigenen Wordings. Das ist außergewöhnlich, denn ein Makler übernimmt üblicherweise die Bedingungen der Versicherer. Wir hingegen gestalten sie aktiv mit, weil wir wissen, was Spediteure und Frachtführer wirklich brauchen.
Tamer Kiliç: Und wir sprechen die Sprache unserer Kunden – fachlich und kulturell. Viele Mitarbeitende waren selbst in der Spedition tätig, einige sogar als Lkw-Fahrer. Dieses Verständnis für die reale Welt der Transporte ist ein großer Vorteil, wenn es um praxisnahe Lösungen geht. Außerdem sind wir auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU) spezialisiert, obwohl wir auch Kunden mit mehr als 1.000 Fahrzeugen haben.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit SCHUNCK und der Ecclesia Gruppe?
Tamer Kiliç: LUTZ bringt Transport- und Osteuropakompetenz ein, SCHUNCK und Ecclesia verfügen über starke Strukturen in Deutschland und Spanien sowie über eigene Spezialteams, etwa für Rail oder Cyber. Kunden profitieren sofort von diesem Know-how, ohne dass sie selbst mehrere Ansprechpartner suchen müssen.
Herbert Hasenhütl: Für uns bedeutet die Zusammenarbeit, dass wir auf Ressourcen einer großen Versicherungsgruppe zugreifen können. Das erhöht unsere Marktchancen, besonders bei internationalen Kunden. Umgekehrt können SCHUNCK-Kunden unsere Sprach- und Kulturkompetenz nutzen, wenn sie in Osteuropa aktiv sind oder dort Personal beschäftigen.
Wie positionieren sich LUTZ und SCHUNCK im Markt – und wie greifen Sie ineinander?
Herbert Hasenhütl: LUTZ konzentriert sich auf Verkehrshaftung sowie kleine und mittelständische Transport- und Logistikunternehmen, insbesondere in Ost- und Südosteuropa. SCHUNCK betreut primär größere Logistiker. Diese klare Trennung schafft Synergien statt Überschneidungen.
Tamer Kiliç: In der Praxis heißt das: Wenn wir bei einem Kunden zusätzliche Expertise brauchen, etwa im Bereich Cyber, Rail oder internationale Großprogramme, holen wir SCHUNCK bzw. Ecclesia direkt dazu. Umgekehrt unterstützen wir SCHUNCK, sobald ein deutsches Unternehmen Niederlassungen in Osteuropa hat oder dort neue Standorte aufbaut.