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Thorsten Abele im Interview: „Risiken früh sichtbar machen und Bauprojekte bestmöglich steuern“

Viele Probleme auf einer Baustelle entstehen lange vor dem ersten Spatenstich. Fehlende Bestandsinformationen, verborgene Schwachstellen oder unerkannte Risiken können Kosten, Termine und den laufenden Betrieb erheblich beeinflussen. Wie technische Risikoanalysen frühzeitig Transparenz schaffen und Bauprojekte sicherer planbar machen, erklärt Thorsten Abele, Bauingenieur bei ecconstruction.

Herr Abele, warum sind Bauprojekte im Bestand besonders anspruchsvoll?

Bei Bauprojekten im Bestand weichen Pläne und Realität oft voneinander ab. Bestandspläne, ältere Dokumentationen oder technische Nachweise bilden die tatsächliche Situation vor Ort oft nur unvollständig ab. Daraus entsteht nicht zwangsläufig ein deutlich höheres Risiko – entscheidend ist, diese Unsicherheiten frühzeitig zu erkennen und in die Planung einzubeziehen.

Schwierig wird es, wenn Abweichungen erst während der Bauausführung sichtbar werden. Dann gilt es, Lösungen unter Zeitdruck zu finden, was Bauablauf, Kosten und Termine beeinflussen kann. Deshalb lohnt es sich, mögliche Schwachstellen bereits vor Baubeginn systematisch zu analysieren.

Welche Schwachstellen oder Risiken werden in der Praxis oft erst spät erkannt?

Besonders problematisch sind verborgene bautechnische Details. Ein typisches Beispiel ist die Bewehrung eines Stahlbetonbauteils: Laut Plan müsste sie vorhanden sein, tatsächlich fehlt sie aber oder wurde anders als dokumentiert ausgeführt. Solche Abweichungen kommen auch bei Bauwerken vor, deren Dokumentation zunächst vollständig erscheint. Darüber hinaus spielen Leitungsführungen, wasserführende Systeme oder nachträgliche Veränderungen im Bestand eine wichtige Rolle.

Gerade in Kliniken können solche Abweichungen erhebliche Auswirkungen haben, weil technische Infrastruktur, laufender Betrieb und sensible Bereiche eng miteinander verknüpft sind. Deshalb ist es wichtig, diese Risiken möglichst früh zu identifizieren und ihre Folgen realistisch einzuschätzen.
 

Wer Risiken früh erkennt, schafft die Grundlage für planbare Bauprojekte und fundierte Entscheidungen.

– Thorsten Abele (Bauingenieur ecconstruction)

Wann ist aus Ihrer Sicht der beste Zeitpunkt für eine technische Risikoanalyse?

Der beste Zeitpunkt ist, wenn die Projektplanung konkret wird. Denn dann liegen meistens genügend Informationen vor, um Risiken fundiert zu bewerten – gleichzeitig lassen sich Erkenntnisse noch in die Planung einarbeiten.

Werden wir zu früh eingebunden, fehlen häufig noch wichtige Unterlagen. Erfolgt die Risikoanalyse erst kurz vor Baubeginn, bleibt oft nur noch wenig Spielraum für Anpassungen. Unser Ziel ist es deshalb, Risiken gemeinsam mit allen Beteiligten rechtzeitig zu steuern.
 

Der größte Nutzen einer technischen Risikoanalyse entsteht dann, wenn Risiken noch aktiv gesteuert und nicht erst während der Bauausführung sichtbar werden

– Thorsten Abele (Bauingenieur ecconstruction)

Wie verschaffen Sie sich zu Beginn einen belastbaren Überblick über ein komplexes Bauprojekt?

Zunächst verschaffen wir uns ein möglichst vollständiges Bild des Projekts. Dafür sichten wir Risikounterlagen, Planungen und Gutachten. Ergänzend nutzen wir digitale Werkzeuge wie die GIS-Plattform der Ecclesia, um beispielsweise Überschwemmungs- und Starkregenrisiken sowie standortbezogene Besonderheiten zu bewerten. 

Außerdem betrachten wir das Umfeld: Liegt das Baufeld innerstädtisch und beengt? Gibt es Schutzgebiete, Gewässer oder andere Faktoren, die das Bauvorhaben beeinflussen können? Ebenso wichtig ist der direkte Austausch mit Bauherren, Planern und Projektverantwortlichen. Denn niemand kennt ein Projekt so gut wie die Menschen, die es verantworten.

Was macht Bauprojekte im Gesundheitswesen besonders herausfordernd?

Im Gesundheitswesen treffen mehrere anspruchsvolle Faktoren aufeinander: Kliniken verfügen über einen hohen Technikanteil, zahlreiche wasserführende Leitungen und sensible medizinische Geräte. Gleichzeitig muss der Betrieb während der Bauarbeiten in der Regel ohne größere Einschränkungen weiterlaufen.

Hinzu kommt, dass viele Bauvorhaben im Bestand oder direkt neben bestehenden Gebäuden umgesetzt werden. Dadurch entstehen zusätzliche Risiken wie beengte Baufelder, Erschütterungen, Setzungen, Rissbildungen oder mögliche Schäden an der vorhandenen Bausubstanz. Gleichzeitig dürfen Bauarbeiten möglichst wenig Auswirkungen auf Patientinnen und Patienten, Mitarbeitende, Geräte und Abläufe haben.

Ein Leitungswasserschaden oder eine Erschütterung sind in einem solchen Umfeld deshalb nicht nur ein bautechnisches Thema, sondern können schnell den laufenden Betrieb oder sogar die Patientenversorgung beeinträchtigen. Genau deshalb ist es so wichtig, diese Risiken frühzeitig zu erkennen und bereits in der Planung zu berücksichtigen.

Sie haben die besonderen Anforderungen im Gesundheitswesen beschrieben. Wie zeigt sich das in der Praxis? Können Sie bitte ein aktuelles Beispiel nennen?

Wir begleiten derzeit ein IPA-Projekt an einem großen Klinikum. Dort zeigt sich sehr gut, welchen Unterschied eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten machen kann. Risiken werden nicht erst während der Bauausführung sichtbar, sondern bereits in der Planungsphase gemeinsam bewertet.

Das ist gerade im Gesundheitswesen entscheidend: Neben der bautechnischen Umsetzung müssen auch sensible medizinische Geräte, Labor- und Diagnostikbereiche sowie die Anforderungen des späteren Klinikbetriebs berücksichtigt werden. Deshalb arbeiten Planer, Bauunternehmen und spätere Nutzer von Beginn an eng zusammen. So lassen sich Risiken wesentlich früher erkennen und geeignete Maßnahmen ableiten.
 

Gerade im Gesundheitswesen können technische Störungen oder Schäden weitreichende Auswirkungen auf den laufenden Betrieb haben. Deshalb ist der strukturierte Blick auf Risiken hier besonders wichtig.

– Thorsten Abele (Bauingenieur ecconstruction)

Was ist der besondere Mehrwert der Verbindung von bautechnischer und versicherungstechnischer Bewertung?

Der besondere Mehrwert liegt darin, bautechnische und versicherungstechnische Anforderungen zusammenzuführen. Große Bauprojekte umfassen häufig hunderte Dokumente mit mehreren Tausend Seiten. Unsere Risikoanalyse verdichtet diese Informationen, ordnet die wesentlichen Risiken fachlich ein und zeigt auf, welche Maßnahmen bereits umgesetzt wurden und wo noch Handlungsbedarf besteht.

So erhalten Versicherer einen schnellen und strukturierten Überblick, ohne sich zunächst durch umfangreiche Unterlagen arbeiten zu müssen. Das erleichtert die Marktbefragung, reduziert Rückfragen und beschleunigt die versicherungstechnische Bewertung. Gleichzeitig profitieren unsere Kunden von einer fundierten Entscheidungsgrundlage – sowohl für die Absicherung ihres Bauvorhabens als auch für die erfolgreiche Umsetzung.
 

Integrierte Projektabwicklung (IPA): Gemeinsam planen, gemeinsam Verantwortung übernehmen

Die Integrierte Projektabwicklung (IPA) ist ein partnerschaftliches Projektmodell für große und komplexe Bauvorhaben. Bauherren, Planer und ausführende Unternehmen arbeiten von Beginn an eng zusammen und verfolgen gemeinsame Ziele. Im Mittelpunkt steht das Prinzip „Best for Project“: Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, Chancen und Risiken partnerschaftlich getragen.

Typische Merkmale der IPA:

  • Partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten von Beginn an
  • Gemeinsame Zielkosten sowie ein Chancen- und Risiko-Pool
  • Mehrparteienvertrag als verbindliche Grundlage der Zusammenarbeit
  • Transparente Entscheidungsprozesse und frühzeitige Abstimmung
  • Besonders geeignet für komplexe Bauvorhaben – etwa im Gesundheitswesen, bei Forschungsbauten oder Infrastrukturprojekten

 

ecconstruction in Zahlen

0 IPA-Projekte werden derzeit begleitet
0 weitere Projekte befinden sich in konkreter Planung
bis zu 0 Milliarde Euro Investitionsvolumen der begleiteten Bauvorhaben

Darüber hinaus bringt ecconstruction seine Expertise auch über die Projektarbeit hinaus ein: Das Team wurde zum Beispiel vom Bundesinnenministerium eingeladen, zur Absicherung von IPA-Projekten zu referieren. Zudem war Cedric Lichte, Leiter ecconstruction, Co-Autor der IPA-Aufsatzreihe in der Fachzeitschrift NZBau und des Fachbeitrags „Projektversicherungen in der Integrierten Projektabwicklung“.

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