Vernetztes Denken als Erfolgsfaktor: Expertin erklärt, warum Vielfalt Unternehmen stärkt und Inklusion mehr als soziale Verantwortung ist
Was bedeutet Inklusion für Sie persönlich – und wie zeigt sie sich im Alltag, insbesondere im beruflichen Umfeld?
Wibke Juterczenka: Inklusion beschreibt Unterschiedlichkeit in unserer Gesellschaft als Normalität und bedeutet, dass eine gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen ermöglicht wird – unabhängig von Herkunft, Alter oder Behinderung. Es ist nichts, was nur Menschen mit Behinderung betrifft, sondern die ganze Gesellschaft.
Wo sehen Sie aktuell Fort- schritte – und wo besteht noch Handlungsbedarf?
Wir sind auf einem guten Weg, aber wir haben noch viel zu tun – nicht nur als Leistungserbringer, die Menschen unterstützen, gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger zu sein, sondern zum Beispiel auch als Arbeitgeberin selbst. Wir, Leben mit Behinderung Hamburg, haben mehr als 1.000 Mitarbeitende und merken, dass wir noch mehr Arbeitsfelder identifizieren müssen, in denen Menschen mit Behinderungen einen
Arbeitsplatz finden können.
Warum ist Inklusion unverzichtbar?
Die Corona-Zeit hat gezeigt, wie verletzlich Teilhabe sein kann. Viele Errungenschaften und Kooperationen brachen von einem Tag auf den anderen weg. Ein Selbstvertreter hat damals gesagt: „Inklusion findet gerade nicht statt“ – das war bitter. Wenn wir Inklusion richtig anpacken, können wir Isolation vorbeugen. Vor allem Menschen mit komplexer Behinderung haben oft sehr kleine Netzwerke. Inklusive Strukturen können das verändern.
Welche Chancen bietet Inklusion für die Arbeitswelt?
Die Arbeitswelt profitiert von Vielfalt. Menschen mit Behinderung können genauso ihre Kompetenzen einbringen, wie andere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Im Arbeitskontext bietet Inklusion die Chance, Menschen mit Behinderung eine andere Rolle als die des Hilfeempfängers zukommen zu lassen.
Können Sie uns Beispiele aus Ihrer Praxis nennen, wie Inklusion gelingen kann?
Das „Budget für Arbeit“ erleichtert Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern die Entscheidung, Menschen mit Behinderung einzustellen, weil eine dauerhafte Förderung möglich ist – bis zu 75 Prozent des regelmäßigen Entgelts.
Ein weiteres Beispiel ist unser Projekt „Auf Achse“. Seit mehr als 15 Jahren kooperieren wir mit mehr als 80 Betrieben in Hamburg. Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf arbeiten dort mit Assistenz stundenweise mit – es geht um Teilhabe, unabhängig von einem festgelegten Arbeitsergebnis.
Und dann gibt es den „Duo Day“, einen internationalen Aktionstag, bei dem sich Mitarbeitende aus Betrieben und Menschen mit Behinderung, die zum Beispiel in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen arbeiten, zu Duos zusammenschließen. Da entsteht viel Austausch – beruflich und persönlich. Und es baut Berührungsängste ab.
Wie reagieren Unternehmen auf solche Initiativen?
Sehr positiv. Der „Duo Day“ ist bewusst niedrigschwellig angelegt. Betriebe können sagen: Wir wollen ein, zwei oder drei Duos bilden und einfach Menschen zusammenbringen und Arbeit gemeinsam erfahrbar machen. Viele Unternehmen beteiligen sich seit Jahren, aber es kommen auch neue hinzu. Wir sprechen gezielt Betriebe an, bei denen wir das Gefühl haben, das ist ein interessantes Arbeitsfeld für die Menschen, die wir unterstützen. So entstehen neue Kontakte – und daraus entwickeln sich oft Praktika bis hin zu regelhaften Kooperationen oder Arbeitsverhältnissen.
Das Ziel ist ein erstes Kennenlernen. Es geht um das Aufmachen von Türen und darum, sich gegenseitig zu zeigen, was man tut. Was dann daraus wächst, kann man sehen. Aber erst einmal ist es ein Annähern und Erfahrungen-Sammeln.
Welche Unsicherheiten gibt es bei den Betrieben – und wie gehen Sie damit um?
Natürlich gibt es Fragen – zum Beispiel zu Haftung und Verantwortung. Das ist nachvollziehbar, jeder Betrieb muss sich mit Arbeitssicherheit beschäftigen.
Daher werden wichtige Punkte wie Versicherung bei Unfällen oder Sachschäden im Vorfeld geklärt. Wir haben alle Informationen hierzu zusammengefasst und stellen dies den Betrieben zur Verfügung. Trotzdem wird jeder Vorfall von den Versicherern individuell geprüft werden. Das ist Standard – unabhängig davon, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht. Und eine Person mit Behinderung ist im Betriebsablauf
nicht per se stärker gefährdet als andere Personen.
Warum sind individuelle Lösungen so wichtig?
Die individuelle Herangehensweise beginnt bereits bei der Vorbereitung. Wir schauen, welche Betriebe und Tätigkeiten passen könnten. Aber nicht alles lässt sich im Vorfeld planen. Gerade für Menschen mit Lernschwierigkeiten ist das Prinzip „Training on the Job“ wichtig. Die Übertragbarkeit von Gelerntem auf eine neue Umgebung ist oft eine Herausforderung. Deshalb ist es einfacher, direkt im Arbeitsumfeld Abläufe und Tätigkeiten zu lernen. Dabei geht es nicht nur um die fachliche Einarbeitung, sondern auch um soziale Integration. Oft kann nicht in Berufen oder bisher beschriebenen Zuständigkeiten gedacht werden: Tätigkeiten und Arbeitsfelder werden entsprechend den Fähigkeiten zusammengestellt.
Es lohnt sich, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam Lösungen zu finden. Am Ende geht es darum, wie ein Arbeitsplatz so gestaltet werden kann, dass er für die jeweilige Person passt. Es geht weniger um die Art der Behinderung als um die konkrete Situation und die Person selbst. Für jeden Arbeitsplatz müssen individuelle Vereinbarungen getroffen werden.
Welche Rolle spielt Assistenz bei der Umsetzung inklusiver Arbeitsplätze?
Eine zentrale. Je nach Leistungsanspruch der Menschen mit Behinderung gibt es unterschiedliche Formen der Unterstützung – von zeitlich begrenzter Begleitung bis hin zu dauerhafter Assistenz. Im Rahmen von „Auf Achse“ erhalten die Personen dauerhaft und lückenlos Unterstützung vor Ort im Betrieb. In anderen Bereichen, etwa beim Budget für Arbeit, ist die Begleitung anfangs intensiver, um Routinen und Kontakte aufzubauen. Später reduziert sich die Unterstützung schrittweise, bis Personen fast gänzlich ohne außerbetriebliche Unterstützung arbeiten.
Hamburg wird im Hinblick auf Inklusion oft als positives Beispiel in Deutschland genannt. Ist die Stadt ein Vorbild für andere Bundesländer?
Zu tun gibt es immer etwas. Aber ich glaube, wir sind im Bereich des Budgets für Arbeit schon ganz schön weit. Auch im Bereich der Tagesförderung, also für Menschen mit komplexen Behinderungen, sind wir gut aufgestellt. Wir sind zwischen den Trägern sehr gut vernetzt und versuchen, gemeinsam gegenüber dem Kostenträger Dinge voranzubringen. Das funktioniert hier sehr gut.
Diese enge Zusammenarbeit ist ein Vorteil, den Flächenländer oft nicht in gleichem Maße nutzen können. Das ist ein Schlüssel: vernetztes Denken. Nicht jeder muss alles allein erreichen. Es geht darum, Synergien zu schaffen und gemeinsam Interessen voranzubringen. In Hamburg funktioniert das tatsächlich sehr gut.
Und was können wir in Deutschland von anderen Ländern lernen?
Die Bemühungen dürfen nicht aufhören, und wir müssen voneinander lernen. Es lohnt sich, einen Blick über den Tellerrand in die europäischen Nachbarländer zu werfen. Dort, wo Inklusion gelingt, sollten wir uns fragen: Warum funktioniert es dort – und was können wir übernehmen?
Besonders Skandinavien gilt als Vorreiter, aber auch südeuropäische Länder haben in bestimmten Bereichen die Nase vorn. In einigen Ländern gibt es eine stärkere Inklusion in den Schulen. Bei uns hingegen erleben wir, dass Förderschulen mancherorts wieder zunehmen und inklusive Schulen zurückgehen. Das ist bedenklich, denn wenn Strukturen schon sehr früh segregierend angelegt sind, wird es später umso schwerer, inklusive Strukturen im Arbeitsleben zu schaffen.
Es ist eine wichtige Voraussetzung, dass Kinder von Anfang an gemeinsam lernen. Nur so kann Inklusion später selbstverständlich werden.
Wie sehen Sie die Rolle von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft?
Behinderung darf nicht als persönliche Eigenschaft verstanden werden. Die Weltgesundheitsorganisation definiert Behinderung nicht nur über individuelle Einschränkungen, sondern auch darüber, wie stark jemand in seiner Teilhabe eingeschränkt ist. Das hängt von der Umgebung und den Einstellungen der Mitmenschen ab. Alle können dazu beitragen, dass Teilhabe gelingt – zum Beispiel am Arbeitsleben.
Was wünschen Sie sich von Unternehmen und von der Gesellschaft insgesamt?
Mut, es einfach auszuprobieren. Es gibt viele Hilfestellungen und Strukturen, die eine Zusammenarbeit unterstützen. Wir brauchen ein Denken in Chancen, nicht in Barrieren. Es geht darum, welche Fähigkeiten Menschen mitbringen und welches Potenzial sie haben – für beide Seiten.
Und welche Rolle spielt die Politik, um die Perspektiven von Inklusion zu verbessern?
Inklusion ist nichts, womit wir irgendwann fertig sind. Sie braucht Aufmerksamkeit, finanzielle Mittel und rechtliche Stärkung. Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert deutlich mehr Engagement. Deutschland schneidet hier aktuell nicht gut ab. Es braucht klare Maßnahmen, damit Menschen ihr Recht auf Teilhabe auch tatsächlich wahrnehmen können.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was müsste sich in den nächsten fünf Jahren verändern, damit Inklusion nicht als „Extra“ gilt, sondern als selbstverständlich?
Dass wir Inklusion nicht mehr als Thema Einzelner verstehen, sondern als gesamtgesellschaftlichen Auftrag – in allen Lebensbereichen. Und dass Unternehmen erkennen, wie sehr Vielfalt auch ihnen selbst nützt.
Über Leben mit Behinderung Hamburg
Eine etablierte Organisation und starke Interessensvertretung für Menschen mit Behinderung ist Leben mit Behinderung Hamburg. Rund
1.500 Familien mit einem behinderten Angehörigen sind im Elternverein zusammengeschlossen. Seit mehr als 60 Jahren engagiert sich die Organisation für Teilhabe, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Anerkennung.
Das Angebot umfasst Unterstützung in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Bildung und Freizeit. Familien erhalten von Anfang an Begleitung und Beratung. Ziel ist die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Leben in Hamburg – selbstbestimmt und mitten in der Gesellschaft.
Die Organisation verbindet fachliche Kompetenz, gelebte Erfahrung und ein tiefes Verständnis für die Lebensrealitäten von Menschen mit Behinderung. Mitarbeitende verstehen sich als verlässliche Unterstützer und setzen sich für individuelle Lebensziele ein. Als anerkannter Gesprächspartner für Politik und Verwaltung bringt Leben mit Behinderung Hamburg Perspektiven ein, die auf Verantwortung, Erfahrung und Nähe zur Lebenswirklichkeit beruhen.