Experteninterview über Trends und neue Anforderungen - Vorsorge ist kein Extra mehr
Warum gewinnen betriebliche Vorsorge- und Zeitwertmodelle aktuell so stark an Bedeutung?
Tobias Bailer: Unternehmen stehen vor einem strukturellen Wandel. Demografische Verschiebungen, Fachkräftemangel und steigende Belastungen verändern die Arbeitswelt nachhaltig. Vorsorge- und Zeitwertmodelle sind deshalb keine Zusatzleistungen mehr, sondern Teil einer organisatorischen Infrastruktur, die Stabilität schafft – für Mitarbeitende und für Unternehmen.
Wenn wir über betriebliche Vorsorge sprechen, meinen wir im Kern Altersvorsorge, Arbeitskraftabsicherung und betriebliche Krankenversicherung. Sie adressieren die finanzielle Sicherheit und die Gesundheit der Mitarbeitenden. Zeitwertkonten ergänzen diese Vorsorge um zeitliche Flexibilität. Zusammengenommen entstehen Lösungen, die Arbeitsfähigkeit über unterschiedliche Lebensphasen hinweg sichern.
Welche Wirkung entfalten diese Modelle im Unternehmensalltag?
Tobias Bailer: Ein zentraler Effekt liegt im Umgang mit Präsentismus und Absentismus. Mitarbeitende, die gesundheitlich oder mental belastet sind oder finanzielle Sorgen haben, sind oft anwesend, aber nicht leistungsfähig. Präsentismus verursacht erhebliche Kosten und ist schwer sichtbar. Vorsorgemodelle wirken hier präventiv. Sie nehmen Druck aus dem System, erhöhen die Belastbarkeit und verbessern die nachhaltige Leistungsfähigkeit.
Michael Schwab: Zeitwertkonten ergänzen das, indem sie Flexibilität ermöglichen, ohne soziale Sicherheit aufzugeben. Wer weiß, dass es geregelte Optionen gibt, fällt seltener ungeplant aus und arbeitet weniger dauerhaft über der eigenen Belastungsgrenze.
Welche Auswirkungen hat der steigende Anteil von Teilzeitbeschäftigung auf die betriebliche Vorsorge?
Tobias Bailer: Teilzeit prägt inzwischen ganze Branchen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Vorsorge, weil geringere Einkommen automatisch zu niedrigeren Beiträgen führen. Versorgungslücken entstehen dabei nicht punktuell, sondern über längere Zeiträume hinweg. In vielen Unternehmen und Branchen sind Teilzeitmodelle heute ein fester Bestandteil der Arbeitsorganisation. Vorsorge wird jedoch häufig noch in klassischen Vollzeitbiografien gedacht – und genau daraus entsteht ein wachsendes Spannungsfeld.
Wo entstehen durch Teilzeit aus Ihrer Sicht die größten Versorgungslücken –
und werden diese von Beschäftigten ausreichend wahrgenommen?
Michael Schwab: Die größten Lücken entstehen dort, wo Teilzeit über viele Jahre hinweg ausgeübt wird – etwa in Familienphasen oder bei längeren Phasen reduzierter Arbeitszeit. Diese Effekte summieren sich und werden häufig erst sehr spät sichtbar. Ein zentrales Problem ist die Wahrnehmung. Viele Beschäftigte unterschätzen die langfristigen Auswirkungen deutlich, weil die Einschnitte im Alltag zunächst moderat wirken. Die eigentliche Dimension zeigt sich oft erst mit Blick auf die spätere Versorgung.
Wie müssen Vorsorge- und Zeitwertmodelle gestaltet sein, damit auch Teilzeitbeschäftigte langfristig abgesichert sind?
Tobias Bailer: Entscheidend ist, dass Modelle nicht mehr von einer durchgehenden Vollzeitbiografie ausgehen. Vorsorge muss flexibler werden und sich stärker an unterschiedlichen Lebensphasen orientieren.
Michael Schwab: Zeitwertkonten können hier eine wichtige Rolle spielen, weil sie finanzielle und zeitliche Aspekte miteinander verbinden. Sie können zum Beispiel zur Entgeltaufstockung in Teilzeitphasen genutzt werden. Ebenso helfen sie, Rentenabschläge bei vorzeitigem Ruhestand zu verhindern. Diese träfen Teilzeitbeschäftigte mit ohnehin schon niedrigeren Rentenansprüchen nochmal besonders hart.
In wirtschaftlich schwierigeren Zeiten müssen Unternehmen teilweise auch Personal freisetzen. Welche Rolle können Zeitwertkonten in Verbindung mit Abfindungen spielen?
Michael Schwab: Gerade in wirtschaftlichen Abschwungphasen zeigt sich der strategische Wert von Zeitwertkonten deutlich. Abfindungen lassen sich – je nach individueller Situation – ganz oder teilweise in Zeitwertmodelle überführen. Das verschafft den betroffenen Mitarbeitenden Zeit für Neuorientierung oder Qualifizierung – bei gleichzeitigem Erhalt der sozialen Absicherung. Auch die Zeit bis zum Rentenbeginn kann so rentensteigernd überbrückt werden.
Tobias Bailer: Für Unternehmen entstehen so geordnete Übergänge statt abrupter Trennungen. Das wirkt stabilisierend, schützt den Betriebsfrieden und verhindert unkontrollierten Wissensverlust.
Viele Unternehmen erkennen den Nutzen, scheitern aber an der Einführung. Woran liegt das?
Michael Schwab: Nicht am Willen, sondern an der Komplexität. Zeitwertkonten und Vorsorgemodelle sind erklärungsbedürftig und wirken nur, wenn sie richtig umgesetzt werden.
Tobias Bailer: Die Einführung, Kommunikation und Begleitung sollte als organisationsweite Aufgabe verstanden werden und nicht allein bei der Personalabteilung liegen. Genau hier liegt unsere Rolle: Wir nehmen diese Komplexität aus der Organisation heraus und begleiten Unternehmen strukturiert durch den gesamten Prozess.
Wie sieht diese operative Unterstützung konkret aus?
Tobias Bailer: Wir starten mit der Zielklärung und entwickeln darauf aufbauend passende Vorsorge- und Zeitwertmodelle. Anschließend übernehmen wir die Kommunikation und begleiten die Mitarbeitenden individuell.
Michael Schwab: Gerade bei Zeitwertkonten ist diese individuelle Begleitung entscheidend, weil die Nutzung sehr stark von der jeweiligen Lebenssituation abhängt.
Unterstützen Sie Unternehmen auch bei der strukturellen und rechtlichen Umsetzung?
Michael Schwab: Ja. Wir begleiten Unternehmen bei der Ausgestaltung der notwendigen Rahmenbedingungen – etwa bei Richtlinien oder Betriebsvereinbarungen – und sorgen dafür, dass Lösungen langfristig tragfähig sind.
Tobias Bailer: Für den Kunden bedeutet das: Er wird nicht allein gelassen, sondern durch den gesamten Prozess geführt – von der Konzeption bis in den laufenden Betrieb.
Wie hoch ist der Aufwand für Unternehmen?
Tobias Bailer: Viele unterschätzen, wie viel Wirkung sich mit überschaubarem Aufwand erzielen lässt.
Michael Schwab: Wenn dadurch eine ungeplante Ersatzeinstellung oder längere Krankheitsphase vermieden wird, hat sich der Aufwand oft bereits amortisiert.
– Tobias Bailer, Geschäftsführer ecpension&benefits, Ecclesia GruppeViele Unternehmen unterschätzen, wie viel Wirkung sich mit überschaubarem Aufwand erzielen lässt, wenn betriebliche Vorsorge professionell umgesetzt wird.