„In der Sozialwirtschaft werden die Folgen multipler Krisen besonders spürbar“
Klimafolgen, Fachkräftemangel, steigende Kosten und gesellschaftliche Polarisierung setzen die Sozialwirtschaft zunehmend unter Druck. Gleichzeitig wachsen die Erwartungen an soziale Einrichtungen, Krisen abzufedern und gesellschaftliche Stabilität zu sichern. Katja Kipping, Geschäftsführerin des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands, sprach auf dem Sozialwirtschaftskongress über Resilienz, politische Verantwortung und die Frage, warum soziale Infrastruktur nicht dauerhaft unterfinanziert bleiben darf.
Frau Kipping, viele Beschäftigte in der Sozialwirtschaft haben das Gefühl, permanent Verluste ausgleichen zu müssen, die anderswo entstehen. Ist die Sozialwirtschaft aus Ihrer Sicht zum gesellschaftlichen Stoßdämpfer geworden?
Die Sozialwirtschaft, die gemeinnützigen sozialen Akteure sichern den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ohne ihr Wirken entsteht keine nachhaltige Resilienz. Wir leben in Zeiten multipler Krisen: Die Folgen des Klimawandels betreffen vulnerable Gruppen besonders und erreichen auch soziale Einrichtungen. Eine Umfrage des Paritätischen unter sozialen Einrichtungen hat beispielsweise ergeben, dass bereits 70 Prozent in den vergangenen zehn Jahren unter den Folgen von extremen Wetterereignissen zu leiden hatten. Der Auftrieb der rechtsextremen Kräfte ist zudem auch ein Angriff auf die Werte der gemeinnützigen Akteure und auf die Klientel der Sozialwirtschaft. Preisexplosionen infolge geopolitischer Krisen betreffen wiederum auch soziale Einrichtungen. Insofern ja, in der Sozialwirtschaft schlagen die Folgen von Krisen besonders zu und müssen dort von den Beschäftigten mit viel Einsatz abgefedert werden.
Besonders problematisch ist dabei, dass die Herausforderungen und die zur Verfügung stehenden Gelder sich in einem reziproken Verhältnis befinden. Während die Herausforderungen wachsen, sinken faktisch die Gelder.
Der Kongress spricht offen über Verluste. Welche Verluste werden politisch Ihrer Meinung nach zu selten benannt – und warum?
Von allen Verlusten möchte ich mich hier auf einen konzentrieren: Der Verlust an Wertschätzung gegenüber den Beschäftigten in der Sozialwirtschaft durch die Bundesregierung. Wer sich beispielsweise für Arbeit in der Eingliederungshilfe, der Arbeit mit Menschen mit Behinderung entscheidet, leistet täglich viel, ohne davon reich werden zu können. Aber wenn beispielsweise der Bundeskanzler über die Eingliederungshilfe spricht, gibt es nicht einmal einen Nebensatz der Wertschätzung für diese Arbeit oder des Respektes vor Menschen mit Behinderungen. Es gibt nur Beschwerden über Kostensteigerungen. Dabei blendet die Regierung aus, dass es einen generellen Preisanstieg gibt.
Sie warnen davor, Resilienz zur Rechtfertigung struktureller Unterfinanzierung zu machen. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen berechtigter Eigenverantwortung und politischer Zumutung?
Wenn wir über zumutbare Eigenverantwortung sprechen, müssen wir Folgendes bedenken: Die Möglichkeiten zur Eigenverantwortung sind sehr unterschiedlich verteilt. Wer in einem reichen Elternhaus aufwächst und viel Bildungskapital mit in die Wiege gelegt bekommt, dem fällt es leichter beispielsweise für einen guten Lebensabend oder für den Fall von Pflegebedürftigkeit vorzusorgen. Wer bei der Geburtslotterie nicht so viel Glück hatte, wem der berufliche Weg nicht durch den Einsatz und die Beziehungen der Eltern geebnet wurde, dem fällt es nicht so leicht, genügend Geld zu verdienen, um realistisch vorzusorgen.
Was bedeutet Transformation in der Sozialwirtschaft aus politischer Sicht konkret – jenseits von Schlagworten?
Konkret heißt das beispielsweise, dass wir von der Kita bis zur Pflegeeinrichtung Klimaanpassung vornehmen müssen, um alle vor Extremtemperaturen besser zu schützen. Das beginnt bei Sonnensegeln in Kitas, um auch bei Hitze den Kindern Zeit im Freien zu ermöglichen. Das geht weiter über Entsiegelung und Beschattung, um Pflegebedürftige vor gesundheitsschädlicher Hitze zu schützen.
In Talkshows werden gerne Lobbyisten zitiert, die Klimaschutz als Belastung empfinden. In der Sozialwirtschaft erleben wir anderes. Aus unseren Projekten zum Klimaschutz in der Sozialen Arbeit wissen wir, dass es in der Sozialwirtschaft sehr viele Menschen gibt, die ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten wollen, beispielsweise durch die Einrichtung einer PV-Anlage oder durch die Umstellung der Gemeinschaftsverpflegung auf klimagesunde Ernährung.
Und Digitalisierung ist ein wichtiger Baustein bei der zukunftsfesten Aufstellung der Sozialwirtschaft. All diese Umstellungen erfordern jedoch Zeit, Personal und auch einiges an Geld. Wenn die Ressourcen aber schon kaum für den Alltag reichen, ist es schwer, diesen Prozess gut zu begleiten.
Auch Kirchen, Krankenhäuser und wissenschaftliche Einrichtungen erleben wachsende Erwartungen bei begrenzten Mitteln. Was müsste sich politisch ändern, damit diese Institutionen ihre Rolle langfristig erfüllen können, ohne sich zu überfordern?
Es muss mehr Geld ins System. Deshalb unterstützen wir als Paritätischer den Vorschlag einer Pflegevollversicherung und einer solidarischen Bürgerversicherung. Zudem sollte verhindert werden, dass Geld aus dem System rausgezogen wird für private Profite. Deshalb setzen wir auf Vorfahrt für gemeinnützige soziale Einrichtungen.
Wenn Sie auf den ZukunftsKongress 2026 blicken: Was wäre für Sie ein Gewinn – unabhängig davon, ob es sofort politisch umgesetzt wird?
Wenn wir zusammen klüger werden, um uns danach besser gewappnet den Herausforderungen zu stellen.