Warum Drohnentransporte neue Haftungsfragen aufwerfen- Wenn Proben fliegen lernen
– Daniel Schaefer, Spartenleiter Haftpflicht für Gesundheit, Kirche und Soziales Ecclesia GruppeDrohnen verändern nicht nur Transportwege, sondern auch die Anforderungen an die Haftungsverteilung und den Versicherungsumfang.
Drohnentransporte im medizinischen Transport werden häufig noch als Zukunftsbild wahrgenommen. Wo sehen Sie heute bereits konkrete Anwendungen?
Daniel Schaefer: Ein sehr konkretes Beispiel gibt es in Norddeutschland. Dort ist bereits ein regulärer Linienbetrieb mit Drohnen eingerichtet. Zwischen Krankenhausstandorten und einem Zentrallabor werden unter anderem Gewebeproben, Blutproben und Arzneimittel transportiert. Die Kliniken betreiben die Drohnen dabei nicht selbst. Stattdessen werden spezialisierte Dienstleister eingebunden, die die Drohnen stellen, die Piloten bereitstellen und die notwendigen luftrechtlichen Genehmigungen organisieren. Genau dieses Zusammenspiel zwischen Krankenhaus, Betreiber und Dienstleister macht das Thema auch aus Sicht des Maklers besonders relevant, weil neue Verantwortlichkeiten und Absicherungsfragen frühzeitig mitgedacht werden müssen.
Ein weiteres Beispiel gibt es im Frankfurter Stadtgebiet innerhalb eines Klinikverbundes. Dort wurden umfangreiche Testflüge zwischen mehreren Krankenhausstandorten durchgeführt. International ist die Entwicklung teilweise sogar noch weiter: In Israel wird die Technologie bereits intensiv genutzt. Drohnentransporte im Gesundheitswesen sind also keine theoretische Zukunftsvision mehr, sondern werden bereits in konkreten Versorgungsszenarien eingesetzt.
In welchen Einsatzszenarien entsteht aktuell ein echter Mehrwert und was unterscheidet diese Anwendungen von klassischen Transportlösungen?
Daniel Schaefer: Der größte Vorteil ist eindeutig die Zeitersparnis. Ein gutes Beispiel ist der Transport von Blutkonserven. Gerade in Ballungsgebieten ist der Luftweg deutlich zeitsparender. Davon profitiert die Patientenversorgung enorm. Darüber hinaus können Drohnen unabhängig vom Straßenverkehr eingesetzt werden – auch nachts oder bei schwierigen Verkehrslagen. Dies macht sie für bestimmte medizinische Transporte besonders interessant. Ein weiteres Beispiel sind Gewebe- und Blutproben. Wenn die Probe schneller im Labor ankommt, verkürzt sich die gesamte Zeit der Diagnostik erheblich.
Gerade im ländlichen Raum werden Drohnen als Lösung diskutiert.
Wo können sie Versorgungslücken realistisch schließen und wo bleiben sie eher eine ergänzende Option?
Daniel Schaefer: Durch die zunehmende Zentralisierung medizinischer Leistungen entstehen heute Transportwege, die es früher in dieser Form oft gar nicht gab. Viele kleinere Krankenhausstandorte verfügen beispielsweise nicht mehr über vollumfängliche eigene Laborstrukturen oder bestimmte Spezialdiagnostik vor Ort. Dadurch entstehen regelmäßig Transportwege zwischen einzelnen Einrichtungen oder zu zentralen Laborstandorten. In solchen Fällen können Drohnentransporte helfen, die Versorgung effizient organisierbar zu machen und größere Distanzen besser zu überbrücken. Dennoch werden Drohnen klassische Transportwege wahrscheinlich nicht vollständig ersetzen, sondern eher sinnvoll ergänzen – insbesondere bei zeitkritischen Transporten.
Welche Abläufe verändern sich durch den Einsatz von Drohnentransporten konkret im Klinik- oder Laboralltag?
Daniel Schaefer: Vor allem verändern sich die Organisations- und Logistikprozesse. Transporte zwischen Krankenhausstandorten oder Laboren müssen anders geplant und koordiniert werden als bei klassischen Kurierfahrten. In einigen Projekten wurden spezielle Übergabestellen direkt an Krankenhausgebäuden eingerichtet, sodass Transporte weitgehend automatisiert ablaufen können. Dadurch entstehen neue Abläufe, aber auch neue Anforderungen an die Abstimmung zwischen den Beteiligten. Gleichzeitig kommen zusätzliche Akteure wie Drohnendienstleister oder technische Betreiber hinzu. Damit wird der gesamte Prozess komplexer und deutlich stärker vernetzt.
Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen im Einsatz? Eher in der Zuverlässigkeit der Technologie oder in der Organisation der dahinterliegenden Prozesse?
Daniel Schaefer: Technisch sind moderne Drohnensysteme inzwischen sehr weit entwickelt. Viele Systeme arbeiten mit redundanten Steuerungen, GPS-Wegpunkten und automatisierten Sicherheitsmechanismen. Natürlich bleibt immer ein Restrisiko, zum Beispiel durch technische Ausfälle oder Witterungseinflüsse. Die eigentliche Komplexität entsteht aber häufig an den Schnittstellen zwischen den Beteiligten. Wer organisiert den Transport? Wer ist Betreiber? Wer trägt welche Verantwortung? Genau diese Fragen müssen im Vorfeld klar geregelt werden.
Drohnentransporte schaffen neue Schnittstellen zwischen Klinik, Betreiber und weiteren Dienstleistern. An welchen Punkten entstehen dadurch zusätzliche Risiken?
Daniel Schaefer: Die Risiken entstehen vor allem dort, wo Verantwortlichkeiten nicht eindeutig definiert sind. Das Krankenhaus beauftragt einen Drohnendienstleister, dieser arbeitet wiederum mit bestimmten technischen Systemen oder weiteren Partnern zusammen. Im Schadenfall stellt sich dann sehr schnell die Frage, wer tatsächlich verantwortlich ist. Zudem sind medizinische Transporte auch besonders sensibel. Es geht eben nicht nur um klassische Transportgüter, sondern häufig um Proben, Medikamente oder Blutkonserven mit direkter Bedeutung für die Versorgung von Patienten.
Mit Blick auf die Haftung: Wer trägt im Schadenfall tatsächlich die Verantwortung und warum werden diese Konstellationen besonders komplex?
Daniel Schaefer: Aus Sicht des Krankenhauses besteht zunächst die Verpflichtung aus dem Behandlungsvertrag gegenüber dem Patienten. Das Krankenhaus schuldet letztlich die ordnungsgemäße Durchführung der Diagnostik und Versorgung. Wenn zum Beispiel eine Gewebeprobe auf dem Transport verloren geht, bleibt dieses Risiko zunächst beim Krankenhaus beziehungsweise beim Leistungserbringer – unabhängig davon, ob der Transport per Taxi, Kurier oder Drohne erfolgt.
Komplex wird es vor allem deshalb, weil beim Drohnentransport mehrere Beteiligte zusammenkommen. Neben dem Krankenhaus sind häufig externe Drohnendienstleister, technische Betreiber oder weitere Partner eingebunden. Dadurch entstehen zusätzliche Schnittstellen und Verantwortlichkeiten.
Besonders interessant wird es auch beim Blick auf die rechtliche Einordnung des Drohnentransports selbst. Juristisch handelt es sich dabei häufig um einen klassischen Luftfrachtvertrag.
Das bedeutet: Der Transportdienstleister haftet nach luftfrachtrechtlichen Regelungen oft nur sehr begrenzt und auf Basis pauschaler Entschädigungswerte pro Kilogramm Transportgut. Das kann in der Praxis zu erheblichen Problemen führen. Denn eine Gewebeprobe oder Blutprobe besitzt zwar oft nur ein sehr geringes Gewicht, kann für die weitere Behandlung eines Patienten aber entscheidend sein. Geht eine solche Probe auf dem Transport verloren oder wird beschädigt, entsteht der eigentliche Schaden deshalb nicht durch den materiellen Verlust der Probe selbst, sondern durch die möglichen medizinischen Folgen. Im schlimmsten Fall kann eine verlorene Probe sogar dazu führen, dass eine Erkrankung nicht rechtzeitig erkannt oder behandelt wird. Genau hier zeigen sich die Grenzen klassischer Haftungsregelungen und Versicherungssystematiken.
Dabei finden sich auch für diese Haftungsrisiken versicherungstechnische Lösungen am Markt. So können die Dienstleister, welche den Transport durchführen, speziell die skizzierten Schäden mit einer gesonderten Versicherungssumme absichern. Wir begleiten unsere Kunden bei der Bewertung dieser Risiken und unterstützen sie dabei, passende Haftungs- und Versicherungskonzepte aufzusetzen.
– Daniel Schaefer, Spartenleiter Haftpflicht für Gesundheit, Kirche und Soziales Ecclesia GruppeDrohnen eröffnen im Gesundheitswesen völlig neue Möglichkeiten, Transporte schneller, planbarer und unabhängiger vom Straßenverkehr zu organisieren.
Wo zeigen sich heute typische Deckungslücken?
Daniel Schaefer: Ein gutes Beispiel sind hochpreisige Medikamente. In der Krebstherapie gibt es einzelne Präparate mit sehr hohem Wert, die gleichzeitig nur ein geringes Gewicht besitzen. Klassische luftfrachtrechtliche Entschädigungsregelungen reichen dort oft nicht aus, um den tatsächlichen finanziellen Schaden vollständig abzudecken.
Hinzu kommt, dass für viele dieser Anwendungen bislang noch vergleichsweise wenige Erfahrungswerte und Schadenhistorien vorliegen. Viele bestehende Versicherungslösungen sind ursprünglich nicht für solche spezialisierten Transportkonstellationen entwickelt worden. An den Schnittstellen zwischen Krankenhaus, Drohnendienstleister und weiteren Beteiligten ist oft nicht eindeutig geregelt, welche Schäden durch welche Versicherung tatsächlich abgedeckt werden. Deshalb reicht dort eine Standardlösung häufig nicht aus. Umso wichtiger ist es, dass bei der Beauftragung von Dienstleistern mit dem Transport von medizinischen Gütern via Drohne klare Haftungsregelungen und das Vorhalten des entsprechenden Versicherungsschutzes durch den Dienstleister ausdrücklich vereinbart werden. Denn im Verhältnis zu den Patienten bleiben die Krankenhäuser regelmäßig in der Verantwortung. Hierfür tritt dann zwar die Betriebshaftpflichtversicherung primär ein. Handelt es sich dabei jedoch – wie mittlerweile häufiger anzutreffen – um Eigentragungslösungen, bleibt das Krankenhaus auf der Höhe der vereinbarten Eigentragung selbst auf dem Schadenersatzbetrag sitzen.
Wie gehen Sie konkret vor, um ein neues Einsatzfeld wie Drohnentransporte in ein nachvollziehbares Risikobild zu übersetzen?
Daniel Schaefer: Der erste Schritt ist immer, die konkreten Einsatzszenarien vollständig zu verstehen. Es muss sehr genau analysiert werden, was transportiert wird, welche Prozesse daran hängen, welche Folgen ein Ausfall hätte und wer an den Abläufen beteiligt ist. Erst daraus entsteht ein belastbares Risikobild. Anschließend lassen sich mögliche Deckungslücken identifizieren, zum Beispiel bei Haftung, Transportgut oder Folgeschäden. Wichtig ist dabei auch, frühzeitig mit allen Beteiligten zu sprechen. Denn viele Risiken werden erst sichtbar, wenn technische Abläufe, organisatorische Prozesse und medizinische Auswirkungen gemeinsam betrachtet werden.
Der Dialog mit Versicherern ist entscheidend. Wie gelingt es, Risiken trotz begrenzter Erfahrungswerte greifbar zu machen und daraus ein tragfähiges Versicherungskonzept zu entwickeln?
Daniel Schaefer: Versicherer brauchen zunächst ein klares Verständnis dafür, welche Risiken tatsächlich bestehen und welche Sicherheitsmechanismen vorhanden sind. Deshalb ist die Übersetzung technischer Abläufe in konkrete Schadenbilder so wichtig. Genau darin liegt unsere Aufgabe als Makler. Neue Technologien wie Drohnentransporte müssen frühzeitig analysiert und in nachvollziehbare Risikobilder übersetzt werden. Dafür reicht es nicht aus, nur den eigentlichen Transport zu betrachten. Entscheidend ist vielmehr, das gesamte Einsatzszenario zu betrachten, also welche Güter transportiert werden, welche medizinischen Prozesse davon abhängen, welche Folgen ein Ausfall haben könnte und welche Beteiligten in die Abläufe eingebunden sind. Erst auf dieser Grundlage lässt sich gemeinsam mit Versicherern bewerten, welche Risiken bereits abgedeckt sind und an welchen Stellen zusätzliche Lösungen notwendig werden. Wichtig ist dabei, die unterschiedlichen Beteiligten zusammenzubringen und daraus Schritt für Schritt ein tragfähiges und am Versicherungsmarkt platzierbares Konzept zu entwickeln. Das Ziel ist immer, Innovation nicht auszubremsen, sondern sie sicher und versicherbar nutzbar zu machen.