„Wir leben noch in goldenen Zeiten – der eigentliche Druck kommt erst“
Die Sozialwirtschaft steht vor einem Jahrzehnt grundlegender Entscheidungen. Steigende Sozialausgaben, Fachkräftemangel und wachsende Finanzierungsprobleme prägen die Debatte. Einer der profiliertesten Wirtschaftswissenschaftler Deutschlands, Bernd Raffelhüschen, beleuchtete auf dem Sozialwirtschaftskongress die langfristigen Perspektiven der Finanzierbarkeit des Sozialstaats – und sprach über aufgeschobene Reformen, strukturelle Denkfehler und die Frage, warum soziale Wirkung ohne wirtschaftliche Tragfähigkeit nicht überlebt.
Herr Professor Raffelhüschen, Sie sagen häufig: Die größten Verluste entstehen durch aufgeschobene Entscheidungen. Wo beobachten Sie in der Sozialwirtschaft aktuell das gefährlichste Zögern?
Das gefährlichste Zögern besteht darin, dass wir seit Jahrzehnten wissen, was auf uns zukommt – und dennoch strukturell kaum gehandelt haben. Die demografische Entwicklung ist keine neue Information. Seit mehr als 40 Jahren liegen belastbare Projektionen vor. Trotzdem wurden Reformen immer wieder vertagt oder in Teilen zurückgenommen.
Eine der wenigen ernsthaften Anpassungen war die Einführung des Nachhaltigkeitsfaktors Anfang der 2000er-Jahre. Die Idee war klar: Die Beiträge der jüngeren Generation sollten stabil bleiben, während das Rentenniveau moderat an die steigende Lebenserwartung angepasst wird. Diese Logik hätte die Lasten fair verteilt. Später wurde sie jedoch wieder umgekehrt – Leistungen stabilisiert, Beiträge erhöht. Das wirkt kurzfristig beruhigend, verschiebt die Belastung aber systematisch in die Zukunft.
Viele Akteure sprechen von einer demografischen Dauerkrise. Sie sagen dagegen: Die Krise kommt erst noch. Warum?
Weil wir uns bislang in einer historisch günstigen Phase befanden. Noch nie gab es so viele Erwerbstätige, die so wenige Rentner, Pflegebedürftige und Kranke finanzieren mussten. Demografisch gesehen leben wir noch in goldenen Zeiten.
Der eigentliche Druck entsteht erst jetzt, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Dann wird aus einer komfortablen Relation von Beitragszahlern zu Leistungsbeziehern ein deutlich ungünstigeres Verhältnis. Wenige Erwerbstätige werden viele ältere Menschen über lange Zeiträume finanzieren müssen.
Gleichzeitig liegt die Sozialausgabenquote bereits heute bei über 30 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung. Anfang der 1990er-Jahre waren es rund 20 Prozent. Wir haben die Ausgaben also erheblich ausgeweitet – noch bevor die demografische Hauptlast überhaupt wirksam geworden ist. Ohne Gegensteuerung bewegen wir uns perspektivisch auf 40 Prozent und mehr zu. Damit schrumpfen Spielräume für Investitionen, Infrastruktur oder andere staatliche Aufgaben erheblich.
Im Kontext des Kongresses steht das Motto „Gewinn aus Verlust“. Welche Verluste sind aus ökonomischer Sicht unvermeidbar – und welche wären vermeidbar gewesen?
Unvermeidbar ist, dass eine alternde Gesellschaft Verteilungskonflikte erzeugt. Wenn weniger Kinder geboren werden, fehlen später Beitragszahler. Diese demografische Realität lässt sich im Nachhinein nicht korrigieren.
Vermeidbar war jedoch, die Anpassungslasten einseitig auf die jüngere Gene
ration zu verschieben. Die ursprüngliche Reformidee lautete: Beiträge stabilisieren, Leistungen moderat anpassen. Das wäre ein klarer, nachvollziehbarer Weg gewesen. Stattdessen wurden Leistungen weitgehend festgeschrieben und die Finanzierung über steigende Beiträge oder Steuermittel abgesichert. Das erzeugt kurzfristige Stabilität – langfristig aber wachsende Akzeptanzprobleme.
Sie betonen immer wieder: Soziale Wirkung überlebt nur mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit. Was bedeutet das konkret für Träger sozialer Einrichtungen in den kommenden zehn Jahren?
Soziale Einrichtungen verwenden Wertschöpfung – sie erzeugen sie nicht. Das ist keine normative Aussage, sondern eine ökonomische. Wenn ein wachsender Anteil der Wertschöpfung für Sozialausgaben aufgewendet wird, bleiben weniger Mittel für Investitionen, Innovation oder Infrastruktur.
Mit einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung verschärft sich diese Situation. Träger sozialer Einrichtungen werden sich darauf einstellen müssen, dass Ressourcen nicht unbegrenzt wachsen. Effizienzsteigerungen, Prioritätensetzung und strukturelle Reformen werden unvermeidlich. Ein Sozialstaat auf dem heutigen Ausgabenniveau ist langfristig nicht finanzierbar, wenn die Einnahmebasis gleichzeitig erodiert.
Krankenhäuser, Unikliniken und kirchliche Einrichtungen kämpfen ebenfalls mit Finanzierungsproblemen. Welche strukturellen Denkfehler sehen Sie branchenübergreifend?
Der grundlegende Denkfehler besteht darin, Knappheit nicht konsequent anzuerkennen. Nehmen wir die Krankenhauslandschaft: Deutschland verfügt im internationalen Vergleich über eine sehr hohe Zahl an Betten. Viele Einrichtungen sind strukturell nicht ausgelastet. Dennoch werden sie aufrechterhalten – oft aus regionalpolitischen Gründen.
Statt klare Strukturentscheidungen zu treffen, werden Defizite durch zusätzliche Mittel oder Sondervermögen ausgeglichen. Das mag kurzfristig entlasten, löst aber das Effizienzproblem nicht. Personal und Kapital sind begrenzte Ressourcen. Wenn sie in überdimensionierten Strukturen gebunden werden, fehlen sie an anderer Stelle – etwa in Pflege, Prävention oder Digitalisierung.
Wenn Sie einen verbreiteten Irrtum über die Finanzierung sozialer Systeme korrigieren könnten – welcher wäre das?
Ein zentraler Irrtum ist die Vorstellung, Arbeitgeber und Arbeitnehmer trügen die Sozialbeiträge jeweils zur Hälfte. Ökonomisch betrachtet werden Sozialabgaben letztlich von den Arbeitnehmern getragen – über geringere Nettolöhne oder reduzierte Beschäftigungschancen.
Ein weiterer Irrtum ist der Glaube, steigende Abgaben seien dauerhaft akzeptabel. Wenn Sozialbeiträge und Steuern zusammengenommen einen immer größeren Anteil des Einkommens beanspruchen, wächst die Belastung der jungen Generation erheblich. Dann droht ein Akzeptanzproblem des Generationenvertrags. Ein System, das als unfair wahrgenommen wird, verliert langfristig seine Stabilität.
Hat die Wiedervereinigung die demografische Entwicklung zusätzlich verschärft?
Demografisch betrachtet war die Wiedervereinigung eher ein zeitlicher Aufschub als eine Verschärfung. Die Bevölkerung der ehemaligen DDR war im Durchschnitt jünger. Dadurch haben sich die Belastungen um einige Jahre nach hinten verschoben. Die strukturelle Problematik blieb jedoch unverändert.
Was folgt daraus für Politik und Sozialwirtschaft?
Wir brauchen eine ehrliche Diskussion über Prioritäten. Das bedeutet nicht, soziale Sicherung infrage zu stellen. Aber sie muss so ausgestaltet werden, dass sie tragfähig bleibt. Wirtschaftliche Substanz ist die Voraussetzung für soziale Stabilität.
Wenn wir junge Menschen überfordern, gefährden wir die Grundlage des gesamten Systems. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie wir Leistungen kurzfristig stabilisieren, sondern wie wir sie langfristig finanzierbar machen. Der eigentliche Gewinn liegt darin, Verluste rechtzeitig zu erkennen – und strukturell zu handeln, bevor Spielräume unwiederbringlich verloren gehen.