Branchen Soziales

„Zu viel Effizienz lässt den sozialen Pudding verklumpen“

Prof. Dr. Christiane Woopen über Effizienzdruck, Menschlichkeit und gesellschaftliche Verantwortung

Fachkräftemangel, Ressourcenknappheit und wirtschaftlicher Druck verändern die Sozialwirtschaft tiefgreifend. Effizienz wird zunehmend zur zentralen Steuerungsgröße. Doch was geht verloren, wenn Zeit, Zuwendung und Menschlichkeit unter Druck geraten? Christiane Woopen, Hertz-Professorin für Life Ethics an der Universität Bonn und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, sprach auf dem Sozialwirtschaftskongress über Würde, moralische Orientierung und die Frage, warum wirtschaftliche Stabilität allein noch keine soziale Zukunft sichert.

Frau Woopen, das Leitthema des Kongresses lautet „Gewinn und Verlust“. Was geht Ihrer Erfahrung nach in der Sozialwirtschaft aktuell am häufigsten verloren – und warum wird genau dieser Verlust oft erst spät bemerkt?

Die Sozialwirtschaft muss wirtschaften – und dieses Wirtschaften steht unter hohem Effizienzdruck. Effizienz wiederum steht in einem Spannungsverhältnis zum Sozialen: Einerseits soll gerade der kluge, effiziente Umgang mit knappen Ressourcen das Soziale ermöglichen und stärken, andererseits kann ein Zuviel an Effizienz das Soziale erdrücken. Das betrifft sowohl die Menschen, die auf Leistungen angewiesen sind – etwa alte Menschen, Kinder oder Menschen mit Behinderungen – als auch diejenigen, die in der Sozialwirtschaft arbeiten. 

Möglichst wenig Geld für eine Leistung auszugeben und möglichst wenig Zeit für eine bestimmte Leistung einzusetzen, kann zunächst einen leistungssteigernden Impuls auslösen. Effizienz ist gewissermaßen wie Gelatine, die einen sonst zerfließenden Pudding stabilisiert. Wird jedoch immer mehr Effizienz hinzugegeben, wird der Pudding irgendwann zäh und klumpig. Er schmeckt dann auch nicht mehr.

Viele soziale Organisationen stehen unter enormem Druck: Fachkräftemangel, Zeitknappheit, ökonomische Zwänge. Wo sehen Sie die Grenze, an der Anpassung in Selbstverlust umschlägt?

Genau diese Faktoren verstärken den Effizienzdruck, der den sozialwirtschaftlichen Pudding zunehmend verklumpen lässt. Die Grenze, an der eine Anpassung an schwierige Rahmenbedingungen in Selbstverlust umschlägt, ist dann erreicht, wenn vergessen wird, wofür Sozialwirtschaft eigentlich da ist. Sie dient nicht primär wirtschaftlichem Gewinn, sondern bedürftigen Menschen. Die soziale Marktwirtschaft als das Marktmodell unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung verbindet freien Wettbewerb mit sozialem Ausgleich und steht damit im Dienst des Gemeinwohls. In der Sozialwirtschaft wird das Soziale darüber hinaus selbst zum Wirtschaftsziel. Wenn das nicht mehr leistbar und erkennbar ist, verliert die Gesellschaft nicht nur einen Zweig ihrer Wirtschaft, sondern ihren sozialen Kern.

Sie sprechen häufig davon, dass Würde keine abstrakte Kategorie, sondern eine praktische Aufgabe ist. Wie lässt sich Würde im Alltag von Organisationen konkret sichern – auch dann, wenn Ressourcen knapp sind?

Die Würde eines Menschen bedeutet, dass er um seiner selbst willen einen Wert hat und dementsprechend als wertvoll angesehen und behandelt wird – unabhängig von Leistung, Gesundheit oder Funktion. Gleichzeitig sind wir in unseren unterschiedlichen Rollen in funktionale Zusammenhänge eingebunden, in denen wir Aufgaben erfüllen müssen – sei es als Mutter, Arbeitgeber, Arbeitnehmer oder Politiker.

 Organisationen wie beispielsweise ein Unternehmen dienen dazu, diese Rollen für einen bestimmten Zweck sinnvoll aufeinander abzustimmen und gute Rahmenbedingungen für ihre gute Ausübung zu schaffen. Eine sozialwirtschaftliche Organisation, die ihre Mitarbeitenden ausbeutet und unter erniedrigenden Bedingungen arbeiten lässt, würde diesem Anspruch ebenso wenig gerecht wie Mitarbeitende, die ihre Aufgabe nicht ernst nähmen und damit den Menschen, die ihrer Unterstützung bedürfen, nicht gerecht werden. Würde zeigt sich daher im Alltag – in respektvollen Arbeitsbedingungen, in verantwortlichem Handeln und in der Orientierung am Menschen.

Der Kongress stellte Verluste bewusst nicht als Scheitern dar, sondern als Ausgangspunkt für Transformation. Was braucht es, damit Organisationen Verluste ehrlich benennen können, ohne ihre Handlungsfähigkeit zu verlieren?

Verluste – und Krisen überhaupt – können tatsächlich zum Ausgangspunkt von Transformation werden. Damit sie ehrlich betrachtet und benannt werden können, braucht es sowohl Fachkompetenz als auch Charakterstärke. Ebenso notwendig ist ein moralischer Kompass auf allen Ebenen, um das Richtige zur rechten Zeit zu sagen und zu tun. 

Ein gutes Team, das miteinander statt gegeneinander arbeitet, eine konstruktive Fehlerkultur, eine gute kommunikationsorientierte Führungsebene sowie eine verlässliche politische Einbindung sind wichtige Voraussetzungen, um Verluste früh zu erkennen, offen anzusprechen und geeignete Maßnahmen einzuleiten. Zur Ehrlichkeit gehört allerdings auch, anzuerkennen, dass Verluste so groß werden können, dass sie zu Hilflosigkeit oder sogar zu Insolvenzen und Schließungen führen.

Kirchen, Krankenhäuser und Universitäten erleben ähnliche Spannungen zwischen Auftrag, Ökonomie und Erwartungsdruck. Gibt es aus Ihrer Sicht ethische Prinzipien, die für all diese Institutionen gleichermaßen gelten – unabhängig vom konkreten Feld?

Die grundsätzliche ethische Orientierung, die ich für alle Menschen und Institutionen für richtig halte, besteht darin, die Entfaltung, Fülle, Schönheit und Verbundenheit allen Lebens zu achten oder zu fördern. Auch wenn wir darunter im Einzelnen etwas Unterschiedliches verstehen, ist dies ein verbindendes Anliegen. Wer sich bei Entscheidungen fragt, welche Auswirkungen diese auf die Lebensmöglichkeiten von Menschen haben, und sich dabei mit anderen Menschen und ihren Perspektiven auseinandersetzt, bewegt sich bereits auf dem richtigen Pfad. Auf dieser Grundlage sind Würde, Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen ebenso zu berücksichtigen wie Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit.

Wenn Sie Entscheiderinnen und Entscheidern einen Gedanken mitgeben müssten, den sie in schwierigen Abwägungssituationen im Kopf behalten sollten – welcher wäre das?

Ich würde ihnen folgende Regel mitgeben: Wäge immer so ab, dass die Entfaltung, Fülle, Schönheit und Verbundenheit allen Lebens am schwersten wiegt. Das führt nicht immer zu eindeutigen Antworten, denn in schwierigen Situationen sind sehr viele Faktoren zu berücksichtigen und können unterschiedlich gewichtet werden. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass diese Regel immer dabei hilft, den inneren Kompass auszurichten und die wichtigen Orientierungsfragen zu stellen: Wie können sich Menschen in ihrem Leben entfalten? Was ermöglicht ein gutes Leben – körperlich, geistig, emotional, spirituell und sozial? Unter welchen Umständen können wir ein schönes Leben führen? Wie wollen wir unser Leben in Verbundenheit gestalten? Diese Fragen eröffnen auch dann einen konstruktiven Dialog, wenn es unterschiedliche Positionen gibt. Man muss es nur wollen.

 

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