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Bart de Witte im Interview: „KI gibt uns die Chance, Arbeit im Krankenhaus besser zu gestalten“

Künstliche Intelligenz verändert das Gesundheitswesen rasant – und stellt auch die Personalarbeit vor neue Herausforderungen. Beim Personalkongress der Krankenhäuser – am 2. und 3. November in Köln – gibt Bart de Witte, CEO & Co-Founder, als Keynote Speaker einen Ausblick auf die Rolle von KI in der zukünftigen Versorgung. Im Interview erklärt der renommierte Experte und Impulsgeber, welche Chancen sich daraus für Krankenhäuser und ihre Personalstrategien ergeben.

Herr de Witte, im Gesundheitswesen wird häufig vom Personalmangel gesprochen. Welche Rolle spielt dabei fehlende intelligente Automatisierung – und wo liegen die eigentlichen strukturellen Herausforderungen?

Der Personalmangel ist real, doch er ist vor allem ein Symptom fehlender intelligenter Automatisierung. Hochqualifizierte Fachkräfte verbringen zu viel Zeit mit Dateneingabe, Systemwechseln und administrativer Koordination. Die strukturelle Ursache liegt in fragmentierten IT-Systemen, die nie für den Datenaustausch konzipiert wurden. Der entscheidende Hebel liegt nicht in mehr Personal für schlechte Prozesse, sondern darin, Fachkräfte mit intelligenten Werkzeugen zu befähigen, ihre eigenen Workflows neu zu gestalten.

Das größte Risiko ist, nichts zu tun. Die Chance liegt darin, Fachkräfte zu befähigen, eigene Agenten zu bauen.

– Bart de Witte

Künstliche Intelligenz gilt als Gamechanger im Gesundheitswesen. Was verändert sich aktuell grundlegend – und warum geht es zunehmend um neue Betriebsmodelle statt nur um Digitalisierung?

Statt monolithischer KI-Systeme entsteht derzeit ein orchestrierbares Netzwerk aus spezialisierten Agenten. Dieser Wandel geht weit über klassische Digitalisierung hinaus: Er verändert Betriebsmodelle, weil er nicht nur Effizienz, sondern auch Mitarbeiterzufriedenheit und individuelle Arbeitsgestaltung ermöglicht.

Wir sehen bereits heute, wie Ärztinnen und Ärzte KI-Tools aktiv nutzen und anpassen. Ambient Scribes reduzieren nachweislich den Burnout. Gleichzeitig ermöglichen große Context Windows eine deutlich personalisiertere Unterstützung durch die Einbeziehung historischer Patientendaten. Der Fortschritt entsteht vor allem dort, wo Fachkräfte die Tools selbst in die Hand nehmen und an ihre konkreten Abläufe anpassen.

Der Begriff „agentische KI“ gewinnt an Bedeutung. Was unterscheidet diese Form von KI konkret von bisherigen Anwendungen – und welchen Mehrwert bringt sie im Klinikalltag?

Bisherige KI wurde oft wie eine schlecht aktualisierte Datenbank genutzt. Moderne agentische Systeme setzen dagegen auf kleine, spezialisierte Modelle als Orchestratoren, die mit verifizierten externen Systemen (EHR, Leitlinien) kommunizieren.

Besonders stark werden Multi-Agent-Systeme: Mehrere spezialisierte Agenten arbeiten zusammen, sind in komplexen Workflows oft leistungsfähiger als ein einzelnes großes Modell und laut aktueller Studien dabei 50- bis 300-fach energieeffizienter. Im Klinikalltag orchestrieren sie im Hintergrund Dokumentation, Kodierung und Kommunikation – mit finaler ärztlicher Kontrolle. Der Mehrwert liegt in der Befähigung der Fachkräfte, nicht in deren Ersatz.

Wo kann KI heute bereits spürbar entlasten – insbesondere für Pflege, Ärztinnen und Ärzte sowie Verwaltung? Wie realistisch ist ein perspektivisch stark automatisierter, teilweise „keyboardless" Klinikalltag?

KI entlastet bereits heute durch automatisierte Transkription, automatische Vorbefüllung von Formularen und Datenkonsolidierung, in der Pflege oft um mehrere Stunden pro Schicht Ein konkretes Beispiel: In Pilotprojekten kann die Erstellung von Qualitätsberichten durch agentische Orchestrierung von 60 auf rund zehn Minuten reduziert werden.

Ein weitgehend „keyboardless“ Klinikalltag ist realistisch, wenn dezentrale, sprachgesteuerte Agenten administrative Aufgaben im Hintergrund übernehmen. Die entscheidende Wertschöpfung entsteht jedoch erst, wenn Fachkräfte nicht nur Tools nutzen, sondern eigene Agenten gestalten können. Dafür braucht es Bildungsinitiativen, die Gestaltungskompetenz fördern.

Welche Rolle spielen der Zugang zu Daten und offene Systeme für die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens? Welche Bedeutung messen Sie Open-Source-Ansätzen wie Hippo AI bei?

Der große KI-Sprung der vergangenen Jahre war vor allem durch frei verfügbare Internet-Daten möglich. Im Gesundheitswesen fehlt dieser Vorteil weitgehend. Gleichzeitig verlagert sich der Wert in der agentischen KI zunehmend von der Datenmenge hin zur Qualität der Agenten und ihrer Orchestrierungsfähigkeit.

Open-Source-Ansätze stellen medizinisches Wissen der Gemeinschaft zur Verfügung. Bei Isaree stehen Klinikern über 500 offene medizinische Modelle aus dem Open-Source-Ökosystem zur Verfügung, um maßgeschneiderte Agenten direkt auf dem eigenen Gerät mit voller Datensouveränität zu bauen. So entsteht ein Ökosystem, in dem Fachkräfte vom Anwender zum Architekten ihres eigenen KI-Workflows werden.

Der entscheidende Hebel liegt nicht in mehr Personal für schlechte Prozesse, sondern darin, Fachkräfte mit intelligenten Werkzeugen zu befähigen, ihre eigenen Workflows neu zu gestalten. Wir sehen bereits heute, wie Ärztinnen und Ärzte KI-Tools aktiv nutzen und anpassen.

– Bart de Witte

Was braucht es konkret, damit KI strukturiert, sicher und nachhaltig in die Praxis integriert werden kann? 

Wer KI ausschließlich über Cloud-APIs betreibt, riskiert langfristig explodierende Kosten. Europa sollte die KI-Adoption daher mit eigener Daten-Governance, Edge- und On-Premise-Infrastruktur sowie souveränen Ökosystemen verbinden.

Konkret braucht es Privacy-first-Architekturen mit lokaler Verarbeitung, offene Standards für modulare Agenten und eine schrittweise Einführung statt großer Millionenprojekte. Dezentrale on-device-Lösungen wandeln variable Kosten in planbare Investitionen um und stärken die technologische Souveränität.

Welche Chancen bietet KI für Produktivität und Versorgung – und welche Risiken sollten Entscheider im Blick behalten?

Das größte Risiko ist, nichts zu tun. Bis 2030 fehlen laut WHO je nach Berufsgruppe 20 bis über 30 Prozent der Belegschaft. Gleichzeitig droht die Gefahr, Mitarbeitende zu Dateneingabestellen zu degradieren oder KI als zentrales IT-Projekt zu betreiben.

Die Chance liegt darin, Fachkräfte zu befähigen, eigene Agenten zu bauen. Statt sich auf wenige standardisierte Use Cases zu beschränken, gibt es Hunderte individueller Prozesse, die mit persönlichen Assistenten und spezialisierten Sub-Agenten deutlich beschleunigt werden können. Dafür braucht es eine kulturelle Veränderung im Dreieck aus Leadership, Organisation und Skills.

KI entlastet bereits heute durch automatisierte Transkription, automatische Vorbefüllung von Formularen und Datenkonsolidierung, in der Pflege oft um mehrere Stunden pro Schicht. Ein konkretes Beispiel: Die Erstellung von Qualitätsberichten kann durch agentische Orchestrierung von 60 auf rund zehn Minuten reduziert werden.

– Bart de Witte

Was sollten Verantwortliche jetzt konkret angehen, um Potenziale zu heben und langfristig zukunftsfähig zu bleiben?

Bilden Sie Ihre Mitarbeiter aus und geben Sie ihnen sichere Werkzeuge an die Hand. Stellen Sie jedem eine zentrale KI als Orchestrator zur Verfügung und ermöglichen Sie das Bauen oder Herunterladen eigener Agenten – finanziert aus HR-Budgets. Ergänzen Sie dies durch Anreizsysteme, die Eigeninitiative belohnen.

Der Wettbewerbsvorteil liegt bei Organisationen, die ihren Teams Werkzeuge und Freiräume zur eigenen KI-Gestaltung geben – nicht bei denen, die auf das nächste Vendor-Update warten. Plattformen wie Isaree bieten dafür bereits kostenfreie Einstiegsmöglichkeiten.

Welche Entwicklungen sehen Sie international – und was können wir von anderen Gesundheitssystemen lernen? Welche Rolle spielen Netzwerke, um Innovationen schneller zu teilen und in die Umsetzung zu bringen?

Länder mit offeneren Datenstrategien und größerem Vertrauen in ihre Fachkräfte adaptieren Innovationen schneller. Die echte Wertschöpfung entsteht, wenn normale Fachkräfte die Werkzeuge aktiv nutzen und ihre Arbeitsabläufe selbst verbessern.

Netzwerke sind wichtig, aber nur, wenn sie wirklich offen sind. Gatekeeper, Genehmigungsschleifen und starre Regeln lähmen die Wirkung. Entscheidend sind eine Kultur des Teilens und offene Plattformen, auf denen klinische Innovatoren ihre Agenten austauschen und weiterentwickeln können. 

Bart de Witte:

Bart de Witte ist ein international anerkannter Impulsgeber und Experte für Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der digitalen Transformation. Als Gründer und CEO der Isaree GmbH entwickelt er seit über einem Jahr ein Betriebssystem für medizinische KI-Anwendungen. Zuvor war er in leitenden Funktionen bei SAP und IBM tätig und gründete 2019 die HIPPO AI Foundation, die sich für offene Daten und Open-Source-KI einsetzt. Darüber hinaus berät er internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation und die Vereinten Nationen und ist als Gastdozent an der Vlerick-Business-School tätig. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.

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