Ulrike Koch im Interview: „Hitze ist die zentrale Gesundheitsgefahr für die Menschheit“
Frau Koch, Hitze wird oft unterschätzt, weil sie nicht die sichtbaren Schäden eines Hochwassers oder Sturms verursacht. Warum ist sie aus wissenschaftlicher Sicht dennoch eine der größten Gesundheitsgefahren des Klimawandels?
Hitze unterscheidet sich grundlegend von punktuellen Extremereignissen wie Hochwasser oder Stürmen. Während diese meist regional begrenzt auftreten, erleben wir bei Hitzewellen oft ein flächendeckendes Ereignis, das große Teile Deutschlands gleichzeitig betrifft. Dadurch geraten nicht nur einzelne Regionen, sondern das Gesundheitssystem insgesamt unter Druck.
Hinzu kommt, dass Hitze erhebliche gesundheitliche Auswirkungen hat. Sie belastet das Herz-Kreislauf-System, beeinträchtigt die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit und kann zu Einschränkungen der Gehirnfunktionen führen. Besonders problematisch sind längere Hitzeperioden mit sogenannten Tropennächten, in denen die Temperaturen nicht unter 20 Grad Celsius sinken. Dann fehlt dem Körper die notwendige nächtliche Erholung, wodurch sich die Belastungen über mehrere Tage hinweg verstärken. Hitze ist deshalb weit mehr als eine Wettererscheinung – sie ist eine stille Katastrophe, deren Auswirkungen häufig unterschätzt werden. Deshalb gilt Hitze mittlerweile als die größte Gesundheitsgefahr des Klimawandels für die Menschen in Europa.
Wie hat sich die Hitzebelastung in Deutschland in den vergangenen Jahren verändert?
Wir beobachten seit Jahrzehnten eine deutliche Zunahme heißer Tage. Während es in den 1960er-Jahren in Deutschland durchschnittlich nur drei heiße Tage pro Jahr gab, hat sich deren Zahl inzwischen deutlich erhöht. Für das Jahr 2025 wurden bereits zwölf heiße Tage dokumentiert.
Gleichzeitig stehen wir vor weiteren Herausforderungen. Sinkende Grundwasserspiegel, zunehmende Dürren und Fragen der Trinkwasser- und Ernährungssicherheit werden in den kommenden Jahren stärker in den Fokus rücken. Die Auswirkungen des Klimawandels betreffen damit nicht nur die Gesundheit, sondern viele Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens.
– Ulrike Koch von KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e. V.Hitze ist eine stille Katastrophe, deren Folgen oft unterschätzt werden.
Welche gesundheitlichen Folgen beobachten Sie bereits heute?
Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Personen mit Vorerkrankungen, Schwangere, Kinder und Menschen, die sozial isoliert leben. Während der Hitzewelle Ende Juni berichteten Rettungsdienste beispielsweise von Einsätzen bei alleinlebenden Personen, die sich nicht mehr selbst versorgen konnten und teilweise aus ihren Wohnungen gerettet werden mussten.
Darüber hinaus sehen wir mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nieren- und Lungenerkrankungen sowie zusätzliche Belastungen für Schwangere und Neugeborene. Auch Frühgeburten und gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Neugeborenen werden im Zusammenhang mit extremer Hitzebelastung diskutiert. Gleichzeitig steigt der Druck auf Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Hitze belastet damit nicht nur einzelne Menschen, sondern das gesamte Gesundheits- und Versorgungssystem.
Wo sehen Sie derzeit die größten Defizite beim Hitzeschutz in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und anderen sozialen Einrichtungen?
Das Problem liegt aus meiner Sicht weniger am Engagement der Mitarbeitenden. Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte sowie zahlreiche andere Berufsgruppen leisten bereits heute Außerordentliches. Die größten Defizite finden sich vielmehr im baulichen und technischen Bereich.
Vielen Einrichtungen fehlen moderne Sonnenschutzsysteme, ausreichende Dämmungen oder klimatisierte Räume. Teilweise mangelt es sogar an geeigneten Kühlmöglichkeiten für Medikamente oder an Rückzugsräumen für Beschäftigte. Gerade die Mitarbeitenden benötigen während extremer Hitze Möglichkeiten zur Abkühlung und Regeneration, um konzentriert und sicher arbeiten zu können.
Gleichzeitig sind die Themen Klimawandel und Hitze bislang nur unzureichend in medizinischen und pflegerischen Ausbildungen verankert. Die Themen Hitzeschutz, Klimafolgen sowie der Umgang mit hitzebedingten Erkrankungen müssten künftig deutlich stärker in Ausbildungs-, Studien- und Fortbildungsangeboten berücksichtigt werden. Auch hier besteht erheblicher Nachholbedarf.
– Ulrike Koch von KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e. V.Vorsorge und Vorbereitung auf Hitzeextreme sind deutlich günstiger als die Bewältigung ihrer Folgen.
Welche Maßnahmen können Einrichtungen bereits heute ergreifen?
Neben langfristigen Investitionen gibt es zahlreiche Maßnahmen, die kurzfristig helfen können. Wichtig ist zunächst, kühle Räume zu identifizieren und Menschen bei Hitzewellen gezielt dort unterzubringen. Viele Einrichtungen erstellen inzwischen sogenannte Heat Maps, um die temperaturgünstigsten Bereiche ihrer Gebäude zu ermitteln.
Ebenso wichtig sind ausreichende Flüssigkeitszufuhr, angepasste Kleidung, Verschattungssysteme und die Nutzung begrünter Außenbereiche. Rollläden, Markisen oder Sonnensegel können die Raumtemperaturen bereits spürbar senken. Ergänzend können Kühlwesten, Kühltücher oder andere Kühlhilfen eingesetzt werden. Entscheidend ist, frühzeitig zu handeln und feste Abläufe für Hitzesituationen zu etablieren.
Viele Einrichtungen befinden sich in älteren Gebäuden. Welche Rolle spielen Architektur und Stadtplanung beim Hitzeschutz?
Architektur und Stadtplanung sind Schlüsselfaktoren für wirksamen Hitzeschutz. Viele Gebäude in Deutschland wurden dafür konzipiert, Wärme möglichst gut zu speichern. Auf die heute auftretenden Hitzewellen sind sie häufig nicht ausgelegt. Deshalb brauchen wir langfristig ein Umdenken in der Gebäudeplanung und Stadtentwicklung.
Dazu gehören mehr Begrünung, die Entsiegelung von Flächen, verschattete Aufenthaltsbereiche und intelligente Energielösungen. Auch Fassaden- und Dachbegrünungen können einen wichtigen Beitrag leisten. Zudem können auch überdachte Parkflächen mit Photovoltaikanlagen gleichzeitig Schatten spenden und Energie erzeugen. Viele Lösungen sind bekannt – nun geht es darum, sie konsequent umzusetzen.
Muss Hitze künftig stärker als Teil des Bevölkerungsschutzes verstanden werden?
Ja, unbedingt. Hitze sollte ähnlich wie andere Extremwetterereignisse fest in die Strukturen des Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes integriert werden. Dafür braucht es klare Zuständigkeiten auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, funktionierende Kommunikations- und Warnketten sowie abgestimmte Hitzeaktionspläne. Diese sollten eng mit den bestehenden Warnstufen des Bevölkerungsschutzes verknüpft sein.
Wichtig ist außerdem, Hitze nicht nur während einer Hitzewelle in den Blick zu nehmen. Vorsorge und Prävention müssen ganzjährig stattfinden. Nur wenn Einrichtungen, Kommunen und Krankenhäuser frühzeitig planen und entsprechende Maßnahmen einüben, können sie im Ernstfall schnell und wirksam reagieren.
– Ulrike Koch von KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e. V.Hitze ist eine Herausforderung, die wir nur gemeinsam bewältigen können – mit technischen Lösungen, aber auch mit Solidarität und gegenseitiger Fürsorge.
Welche Botschaft möchten Sie Führungskräften mitgeben?
Die wichtigste Botschaft lautet: Vorsorge ist günstiger als Schadensbewältigung. Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen von Hitzeereignissen sind erheblich. Sie führen zu erhöhten Fehlzeiten, mehr Arbeitsunfällen und einer stärkeren Belastung von Personal und Einrichtungen. Nach Prognosen der Prognos AG im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales verursacht bereits ein einzelner Hitzetag Kosten von rund 431 Millionen Euro für die deutsche Wirtschaft. Zudem werden pro Hitzetag etwa 76.500 zusätzliche Fehlzeiten durch Krankheit und Unfälle verzeichnet.
Deshalb sollten Verantwortliche schon heute in Prävention, Anpassungsmaßnahmen und den Schutz ihrer Beschäftigten investieren. Wer jetzt handelt, schützt nicht nur die Gesundheit von Mitarbeitenden, Patienten und Bewohnern, sondern stärkt auch die Zukunftsfähigkeit seiner Einrichtung.
Zum Abschluss: Was gibt Ihnen Hoffnung?
Ich halte es für entscheidend, das Thema stärker in Ausbildung, Studium und gesellschaftliche Aufklärung zu integrieren. Gleichzeitig sehe ich viele positive Beispiele: Kirchen öffnen ihre Gebäude als kühle Aufenthaltsorte, Nachbarschaften unterstützen ältere Menschen, und immer mehr Organisationen setzen sich aktiv mit Hitzeschutz auseinander.
Hitze ist eine Herausforderung, die wir nur gemeinsam bewältigen können. Neben technischen und baulichen Lösungen brauchen wir deshalb auch Solidarität und gegenseitige Fürsorge. Gerade darin liegt eine große Chance für unsere Gesellschaft.
Gleichzeitig sollten wir Menschen keine Angst vor dem Sommer haben. Sonne und Wärme gehören zu unserem Leben. Entscheidend ist, dass wir lernen, mit den neuen Risiken verantwortungsvoll umzugehen.